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Landgericht Flensburg : Mutter ließ Vierjährigen allein – Bewährung für versuchten Totschlag

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie war feiern. Ihr vierjähriger Sohn war solange allein in der Wohnung - drei Wochen lang. Das Gericht hat entschieden.

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2016 | 17:29 Uhr

Flensburg | Die beste Nachricht dieses letzten Verhandlungstags vor der 1. großen Strafkammer betrifft das Opfer: Julius H. (Name aus Schutzgründen geändert) lebt jetzt ein gutes Leben, er hat keine Schäden davongetragen. Der Junge, der 2012 – vierjährig – von seiner Mutter verlassen und drei Wochen lang sich selbst überlassen wurde, entwickelt sich prächtig, ist aufgeschlossen, freundlich, den Menschen zugewandt, ein guter, wissbegieriger Schüler. Seine Pflegefamilie sei für ihn ein Geschenk, meinte Kammervorsitzender Michael Lembke bei der Begründung eines Urteils, das die Angeklagte ebenfalls als Geschenk empfunden haben dürfte. Viola H. bekommt eine große letzte Chance: zwei Jahre auf Bewährung, wegen versuchten Totschlags in einem minderschweren Fall. Sie ist frei.

Fast fünf Monate hatte sie zuvor in Untersuchungshaft gesessen. Sie war im Dezember nicht aus Herzogenrath bei Aachen zur Hauptverhandlung nach Flensburg gekommen, aus Angst, sich ihren Dämonen zu stellen. Die Anklageschrift – vernichtend. Am 17. oder 18. August 2012 hatte sie abends ihren schlafenden Sohn verlassen, um auf eine Geburtstagsparty zu gehen. Sie kam nie mehr zurück. Viola H. versank in den nächsten Wochen in Alkohol, Drogen und Depressionen, überließ ihr Kind in der abgesperrten Wohnung sich selbst. Und zwar in dem Wissen, dass dieses Kind sterben könnte – das stellte die Kammer zweifelsfrei fest. Letztendlich haben wohl die Erzieherinnen der Kindertagesstätte Schwedenheim Schlimmeres verhindert, als sie in Sorge um den Jungen an der Wohnungstür klingelten, hinter der Julius H. gefangen war.

Die Mutter hatte bis zum Schluss keine Anstalten gemacht, irgendetwas zu tun, um das Kind zu retten. „Das ist kaum nachvollziehbar“, so Lembke. Der Zufallsbekanntschaft, bei der sie seit ihrem Verschwinden eingezogen war, hatte sie gesagt, der Junge sei bei seiner Oma und bestens versorgt. In der Kita hatte sie Julius unter einem falschen Vorwand abgemeldet, ihrem Bekannten verweigerte sie den Wunsch, zusammen mal in ihre Wohnung zu gehen.

Erklärungsmodelle führten die Gutachter in die Vergangenheit einer Frau, die in schwierigen Verhältnissen mit exzessiver Gewalterfahrung ein schwieriges Kind war, misstrauisch, kontaktscheu, ab 15 intensive Drogen- und Alkoholkontakte, sich mit Männern einließ, die selbst schon in schlimmen Drogenkarrieren gefangen waren. In Wellenbewegungen schien sie in einem rastlosen Leben am Rand der Gesellschaft mal aufzutauchen und dann immer wieder unterzugehen. Wenn Drogen ins Spiel kamen, dann, um Depressionen zu dämpfen und in die Verantwortungslosigkeit abzutauchen.

Wie sehr der jahrelange Konsum von Kokain, Speed und Alkohol ihre Persönlichkeit beschädigt hat, ließ der Kammervorsitzende Michael Lembke offen. Das psychiatrische Gutachten sah die Voraussetzungen für eine Schuldunfähigkeit oder eine verminderte Schuldfähigkeit zwar nicht vorliegen, der Gutachter habe aber ebenso festgestellt, dass Viola H. nicht sonderlich weit von diesem Bereich der fehlenden Steuerungsfähigkeit entfernt war, der den Rahmen der Strafbemessung deutlich nach unten verschiebt.

Noch eins war Lembke wichtig – die nach moralistischen Maßstäben geführte, aufbauschende öffentliche Diskussion dieses Falls, besonders der darin enthaltene Aspekt, der Junge habe von verdorbenen Lebensmitteln gelebt. Die Aussagen der als Zeugen vernommenen Polizeibeamten habe diesen Eindruck möglicherweise bestärkt, aber tatsächlich hätten die „Tatort“-Bilder diesen den Nachweis nicht erbracht. „Auf den Bildern ist nichts zu sehen“, stellte Lembke fest. Dennoch: „Es ist kein Zustand, ein Kind mit einer Packung Wurst, Senf und Mayonnaise im Kühlschrank zu verlassen. Das geht so nicht.“

Nach Überzeugung der Kammer hat Viola H. bereits mit der Aufarbeitung begonnen. Positiv bewertete sie das frühzeitige Geständnis wie überhaupt die Mitarbeit der Angeklagten bei der Wahrheitsfindung. Auch wenn die Angeklagte während der drei Verhandlungstage das Wort ihrem Aachener Rechtsanwalt Osama Momen überlassen habe: „Wir haben gesehen, wie Sie dieses Verfahren angefasst hat“, so Lembke. Positiv auch, dass die 38-Jährige keine Vorstrafen hat und die vier Jahre seit der Tat im guten Sinne als Vorbewährung genutzt habe. Viola H. hat in Absprache mit dem Gericht eine Therapie ihrer Drogen- und Persönlichkeitsproblematik als verpflichtende Auflage vereinbart. Unter dem Strich konnte die Kammer so den minderschweren Fall des versuchten Totschlags durch Unterlassen heranziehen – und eine Bewährungsstrafe aussprechen. Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt teilte diesen vergleichsweise milden Blick auf die Tat nicht. Sie hatte auf eine Strafe von drei Jahren und sechs Monaten plädiert.

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