Kultur in Flensburg : Musizieren auf Teufel komm raus

Großes Finale mit allen: Die Nacht der Lieder endet stets mit der Versammlung der beteiligten Musiker zum Abendlied.
Foto:
1 von 2
Großes Finale mit allen: Die Nacht der Lieder endet stets mit der Versammlung der beteiligten Musiker zum Abendlied.

Kleiner, aber auch fein: 21. Nacht der Lieder im Culturgut mit fast 300 Gästen bringt Musik-Kabarettistinnen und Alt-68er zusammen

shz.de von
02. Februar 2018, 10:21 Uhr

Etwas kurios wirkt Manfred Maurenbrecher schon, wenn er hinter dem Piano fast verschwindet – aber in seinen Tönen und Texten ist er groß, eine Größe in der bundesdeutschen Singer / Songwriter-Szene. Seine Texte spiegeln real Alltägliches aus menschlicher Sicht wider, das nicht jedem bewusst ist – vorgetragen in melodiösem Rezitativ. So in seinem Lied „Auf der schrägen Straße“, das bereits in den 1970er Jahren entstanden ist: Aus der Sicht eines 19-Jährigen, der über den „Autoput“ nach Saloniki trampen will, mit einem fremden Rucksackmädchen ins Gespräch kommt, besonders über Gott, der „alles eingerichtet hat“ – auch „Elend und Unrecht, ganze Völker hungern lässt“? Er besteigt den einzelnen Platz eines Autos, lässt sie verprellt stehen – und „raste von der Tanke“.

Manfred Maurenbrecher eröffnete die diesjährige Nacht der Lieder, die ihre Fans zum 21. Mal mit Musikkultur beglückte. Nach dem 20. Jubiläum im vergangenen Jahr mit Riesenprogramm im Deutschen Haus, fiel sie dieses Mal deutlich überschaubarer aus. Die Location „Culturgut“ in Weiche war gut gewählt, das Konzert lange ausgebucht mit 290 Besuchern.

Das stimmungsvolle Intro kam erneut von Gründer Richard Wester, der mit Querflöte von hinten durchs Publikum auf harmonischen Tönen zur Bühne schwebte. Mit Frauen-Power der etwas anderen Art fand das Programm seine Fortsetzung: Die Antagonistinnen konnten gegensätzlicher nicht sein, eine aus der (sprachlich gesehen) deutschesten aller Städte, Braunschweig, die andere sozialisiert im ostfriesischen Spetzerfehn. Vanessa Maurischat und Annie Heger zogen das Publikum mit einem Zickenkrieg erster Güte in ihren Bann.


Zickenkrieg und Physio-Parodie

In perfekt gespielter Niedertracht ziehen sie sich ordentlich durch den Kakao, anfangs manchmal etwas arg platt wie mit dem Farmer aus Ipanema, der sich als Pharmareferent aus Bottrop entpuppt, aber mit zusehendem Drive zu humoristischen Highlights wie der geplanten Grabgemeinschaft, die steuerlich absetzbar ist – vorher! „Und immer ‘nen frischen Schlippi anziehen, man weiß ja nie.“ Dafür gab es tosenden Beifall!

Ihre Gründung datiert auf die Hochphase der 1968er Revolten zurück – Liederjan, Urgestein der deutschen Folkszene. Vielfältig instrumentiert und neu personalisiert kommen sie op platt auf die Bühne, wundern sich über den „wahren Norden“ und besingen trotzdem die schönen Deerns des Landes: „Ich bin die Marylin Monro-e, und komme aus Bad Oldeslo-e“, das ebenso klamaukig rüberkommt wie die Sport-Physio-Parodie als Gymnastik zum Mitmachen – allerdings zum Vergnügen des Publikums. Ganz andere Kaliber zeigt das Trio hingegen bei dem Titel über Weihnachten 1914, als verfeindete Krieger in Flanderns Schützengräben gemeinsam das Christfest feierten – intoniert nach dem Weihnachtslied „Herbei nun Ihr Gläubigen“. Folk pur dann ein „gezipptes“ Volkslied-Potpourri, köstlich das A Capella mit gegenläufig-übereinanderliegenden Texten – und dem Finale „Und Du mein Schatz bleibst hier!“

Den Abschluss der 21. Nacht der Lieder bildete wie immer eine Session aller Musiker – mit eigenen Highlights aus Comedy, Improvisation und eben schönen Liedern. „Es hat sich gelohnt, dieses musikalische Erlebnis wird uns noch lange in Erinnerung bleiben“, sagen die Freundinnen Meike Jepsen aus Wanderup und Carmen Schaumann aus Jerrishoe. Besonders beeindruckt hat sie die Spielfreude, „die voll aufs Publikum übergesprungen ist“.

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen