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Sinfoniekonzert : Musikalischer Appell für Frieden

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das fünfte Sinfoniekonzert des Landestheaters, Benjamin Brittens „War Requiem“, ist eine Herausforderung für rund 190 Beteiligte.

shz.de von
erstellt am 24.Feb.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Junge Mädchen flitzen durchs Bild, an Dirigentenpult und Notenständern vorbei, beißen nochmal in einen Apfel und nehmen nach und nach Platz. Die Spannung vor der gemeinsamen ersten Probe aller beteiligten Sänger im Saal auf dem Museumsberg ist greifbar. Aus vielerlei Gründen: Zum ersten Mal wirkt der Kinderchor des Landestheaters bei einem Sinfoniekonzert mit – und bei was für einem. Das „War Requiem, op. 66“ von Benjamin Britten (1913-1976) steht auf dem Spielplan. Bernd Stepputtis verortet es als gleichrangig mit „großen Werken“ von Brahms, Verdi, Mozart, beschreibt es aber auch als „musikalisch erheblich schwerer“. Doch: „Da wir aber die Herausforderungen lieben, haben wir uns mit allen Kräften auf diese Musik gestürzt“, fügt der Chordirektor hinzu.

Für den Chor sei die „ungeheure Komplexität des Werkes“ die größte Schwierigkeit, darunter die Dynamik, die alles abverlange von „am Rande des hörbaren piano bis hin zu extremen Ausbrüchen im fortissimo“. Seit September habe er einmal monatlich von Sonnabend bis Montag in Hamburg mit 30 Sängern und Sängerinnen des Extrachores der Hamburgischen Staatsoper an dem Stück gearbeitet. Parallel dazu bereitete Stepputtis das Stück auch mit dem Opernchor des Landestheaters und dem Flensburger Extrachor vor. „Wir sind nun knapp 80 Chorsänger, für dieses Werk das Minimum.“

Vor einem Meer von Frauen- und Männerstimmen erklingen engelsgleich – wie sie im Text vorkommen – die Kinderstimmen. Generalmusikdirektor Peter Sommerer dirigiert, in seinem Rücken unterstützt Oxana Sevostianova ihre Schützlinge mit Mimik, Hand und Fuß. Die Altistin im Opernchor hat die Einstudierung des Stücks mit dem Kinderchor übernommen, dessen Einsatz nochmal geprobt und gefestigt wird. Pianist Felix Petzold möge erneut die imaginären Glocken- und Orgelklänge dazu am Klavier spielen. Eine folgende Passage erscheint für das Ohr des Laien noch anspruchsvoller: Sehr hoch und kraftvoll sollen die Kinder den Herrn anrufen, „domine, Jesu“ singen.

Zum Glück wirkt der Chor-Nachwuchs fokussiert, aber nicht angestrengt. Einige der Kinder kommen aus musikalischen Elternhäusern – so wie die gerade mal neunjährige Emma von Blanckenburg; ihr Vater Kai-Moritz ist selbst Sänger am Landestheater. Und die elfjährige Liv Kruse nennt vielmehr die lateinische Sprache als Schwierigkeit des War Requiems. „Der lateinische liturgische Requiem-Text, der dem Chor und dem Solo-Sopran übertragen ist“, erklärt Bernd Stepputtis, „erfordert italienisches Kirchenlatein, das mit einer gedeckten und dunklen Klangfarbe einhergeht.“ Benjamin Britten habe zu den liturgischen Texten der „Missa pro Defunctis“ (Totenmesse) „mit kritischer Distanz und als scharfen Kontrast Texte von Wilfred Owen“ eingearbeitet. Owen sei mit 24 im 1. Weltkrieg gefallen, hat der Nachwelt so realistische wie erschütternde Verse hinterlassen, die Britten aufnahm in sein Ausnahmewerk. „All a poet can do today is warn“, sei Owens Motto gewesen – der Pazifist und Kriegsdienstverweigerer Britten stellte sie dem War Requiem voran. Mit der Uraufführung am 30. Mai 1962 in der Kathedrale von Coventry habe der Komponist Musikgeschichte geschrieben, unterstreicht Stepputtis und hofft auf „offene Ohren für diese außerordentliche Musik mit ihrem Appell für Versöhnung und Frieden unter den Völkern“.


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