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Hofkultur in Flensburg : Musikalisch-therapeutisches Gesamtkunstwerk

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Liese-Lotte Lübke unterhält ihr Publikum im Braasch-Hof mit Witz und Virtuosität

shz.de von
erstellt am 31.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Wenn sie könnte, wie sie wollte, würde sie wahrscheinlich genau das machen, was sie am Sonnabendabend im kuschligen Braaschhof in der Roten Straße tat: mit Zuschauern sprechen und für Zuschauer singen. Liese-Lotte Lübke scheint schon da, wo andere noch hinwollen: Im Reinen mit sich und ihrem Beruf. Kabarett und Motivation am Klavier nennt die junge Künstlerin ihr Format, mit dem sie die Welt und vor allem deren Menschen zur Veränderung verhelfen will.

Genau so maßgeschneidert wie das Genre wirkt der Hof dazu mit den kletternden Pflanzen, hübschen Häusern, dem Spiel von Abendlicht und bunter Lichttechnik. Wenn sie sich vor Auftritten nach den verfügbaren Farben erkundige, erzählt die Künstlerin aus Hannover, höre sie mitunter: „Farben? Wir können an und aus.“ Zwischen ihren eigenen Liedern über „Spießer“, überflüssige Frauenquoten, gruselige Traumräuber, Berater beim Arbeitsamt und über Depression, die Lübke aus eigener Erfahrung kennt und sich als alte Dame vorstellt, plaudert die 28-Jährige ebenso persönlich mit dem Publikum. Das geht gut: Die Distanz zu den geschätzt 60 Zuhörern ist klein, die meisten sind dazu aufgelegt, mitzumachen, und Liese-Lotte Lübke ist ausgesprochen schlagfertig und selbstbewusst.

Sie erzählt, dass sie nebenberuflich Hunde frisiert und ermuntert Hundebesitzer, in der Pause ihre Lieblinge zu holen, doch ein Schild im Hof verbietet das leider. Bewusst zu leben, das Leben nicht vorbeirauschen zu lassen, ist der rote Faden im Programm und ihr Plädoyer im Song über unersättliche To-do-Listen. Raffinierte Pointe: Am Ende klingt das klopfende Herz wie „to do, to do, to do“, aber es schlägt.

Ihrer Anregung, auf einem Zettel den Satz zu vollenden, „Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich...“, folgen einige. „Meinen Chef zum Mond schießen“, „keine Emails mehr bearbeiten“ und „das Nachbarhaus kaufen“ liest Lübke später vor und findet, die Wünsche sind alle realistisch. Sie empfiehlt, sich den zweiten identischen Zettel an den Kühlschrank oder die Windschutzscheibe zu heften, um Träume nicht aus den Augen zu verlieren. „Fahr mal wieder ohne Navi, nur nach Gefühl“, singt sie, „aus Höflichkeit tun wir so viele Dinge, nur um keine Klatsche zu riskieren“, sagt sie wie eine Poetry Slammerin. Sie plädiert fürs befreiende Schreien. Wenn Kinder sich im Laden auf den Boden schmeißen und brüllen, bekommen sie garantiert ihren Lolly, erklärt Liese-Lotte Lübke die Logik. „Warum haben wir damit aufgehört, wenn es doch so effektiv ist?“, wundert sie sich und rät, die Taktik in der Bank bei der Beantragung eines Kredits anzuwenden. Ihre Lebenshilfen sind lustig, pädagogisch bis therapeutisch, bemerkenswert reflektiert, vielleicht weil sie sich wie 50 fühlt, wie sie eingangs einräumt. Lübke ist dabei unterhaltsam und unverblümt, wie eine 28-Jährige.

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