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Landgericht Flensburg : Mordprozess um Mert Can: Flucht ins Nickerchen?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der wichtigste Zeuge nervt die Prozessbeteiligten mit Ausflüchten. Verdacht auf versuchte Einflussnahme Dritter.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 07:00 Uhr

Flensburg | Im Mordprozess um den Tod des Mert Can Altunbas ist er einer der beiden wichtigsten Zeugen und eine der denkbar größten Herausforderungen für alle, die am Montag im Schwurgerichtssaal des Landgerichts nach der Wahrheit suchen. Er kann sich nicht erinnern, er weiß es nicht, er weiß nicht, warum er sich nicht erinnern kann, er hat gerade ein Nickerchen gehalten, und wenn er doch etwas mitbekommen hat von den wütenden Gesprächen in dem Auto, das am 16. April von Husum zum Tatort hin und nach dem Tötungsdelikt wieder weg fuhr, dann war es auf albanisch.

Weit über vier Stunden dauerte am Montag die Befragung des dritten Insassen, der in der Mordnacht auf dem ehemaligen Aldi-Parkplatz am Kupfermühlenweg auf die Rückkehr der beiden Angeklagten wartete. Die Freunde I. (als Hauptbeschuldigter) und R. hatten den Fahrer nach Klues dirigiert, nachdem das Mordopfer gegen den kleinen Bruder von R. vor einem Schiffbrückenlokal handgreiflich geworden war. R., das ist unstrittig, hatte seinen Freund I. und dessen Begleiter auf ihrem Rückweg von einer Husumer Diskothekennacht alarmiert.

Schon einmal hatte in dieser Zeit ein kleiner Bruder für Probleme gesorgt, und zwar der Bruder von I., der, ebenfalls vor dem Schiffbrückenlokal, Mert Can Altunbas zwei Ohrfeigen verpasst haben soll, worauf Altunbas dem Kleinen angekündigt haben soll, ihm beide Beine zu brechen und der große Bruder wiederum Altunbas „ficken“ wollte, sobald er das Elternhaus verlässt, vor dem er – erfolglos – drei Stunden auf der Lauer lag.

Aufreizende Vergesslichkeit des Zeugen

Eine von sehr vielen Denkpausen durchbrochene Befragung durch die Kammervorsitzende Birte Babener ergab – in Grundzügen zumindest – ein Bild, das jenem glich, dass der Zeuge und Mitfahrer T. in der vergangenen Woche schon gezeichnet hatte. Altunbas und die beiden Angeklagten waren hauptsächlich wegen der Geschwister miteinander im Streit. Ein Versöhnungsgespräch zwischen I. und Altunbas hatte keinen Bestand, weil es nicht zu der vereinbarten Entschuldigung des kleinen Bruders von I. gekommen war. Die Dinge eskalierten, in der Osternacht kam es vor dem Elternhaus des Getöteten zur Abrechnung.

Aber wichtige Details, die bleibt der Zeuge mit einer aufreizenden Vergesslichkeit schuldig. Wenig vertrauenbildend auch, dass er die Nacht vor seiner Aussage am Montag beim zweiten wichtigen Zeugen T. verbracht hat und die wichtigste Aussage theoretisch abgestimmt sein könnte.

Kammervorsitzender erklärt Straftatbestand einer Vereitelung

Das alles reizt so sehr, dass selbst sturmerprobte Strafverteidiger wie Bernhard Mussgnug und Thomas Bliwier dem Zeugen unterstellen zu lügen und die Kammervorsitzende vorsichtshalber den Straftatbestand einer Strafvereitelung in der Hauptverhandlung erläutert. Dies in einem Zusammenhang, der elementar wichtig für den Prozess ist. Es geht dabei um die Tatwaffe, ein Butterflymesser mit schwarzer Klinge. In den Vernehmungen, die Grundlage der Prozessakten sind, hatten beide Zeugen dargelegt, dass der Hauptangeklagte I. über eine solche Waffe verfüge.

Der gestrige Zeuge hatte gegenüber der Polizei sogar angegeben, das Messer einmal selbst in der Hand gehabt zu haben, als I. bei ihm zu Besuch war. In den Vernehmungsakten steht auch, dass I. dieses Messer regelmäßig dabei hatte, wenn sie unterwegs waren, Zeuge T. – der inzwischen einen Rechtsanwalt als Zeugenbeistand herbeigezogen hat – will es auf dem Parkplatz in Klues kurz an dem Angeklagten gesehen haben, der schläfrige Zeuge von Montag aber erkennt es nicht wieder, als er zur Inaugenscheinnahme an den Richtertisch gebeten wird. Er spricht hartnäckig von einem Klappmesser, das I. besessen haben soll. Als Staatsanwalt Berns von dem Zeugen wissen möchte, wie denn das so plötzlich aus seiner Erinnerung verschwundene Butterflymesser es gleich zwei Mal in das Vernehmungsprotokoll geschafft habe, muss der Zeuge passen.

Mögliche Einflussnahme Dritter

Natürlich fragen sich die Prozessbeteiligten, woher die schwachen Gedächtnisleistungen des Zeugen herrühren könnten. Kammervorsitzende Birte Babener spricht direkt das Thema Einflussnahme Dritter an. Immerhin: Der Zeuge sitzt direkt vor dem „schwarzen Block“ der Mert Can-Freunde. Seitlich rechts von ihm sitzt die unversöhnliche Nebenklägerin, die so emotional auf das Prozessgeschehen reagiert, dass sie einen Ordnungsruf vom Richtertisch kassiert. Eine aktuelle Sprachnachricht, die auf dem Smartphone des Zeugen vorgespielt wird, ist auch nicht ermutigend. Alles Mörder sind – für den nicht genannten Absender – auch jene, die auf dem nächtlichen Parkplatz „nur“ im Auto saßen. Und schließlich ist da noch der Hauptangeklagte, der kein Interesse daran haben kann, mit der Tatwaffe in Verbindung gebracht zu werden.

Auch I. hatte Zeit, Dinge zu beeinflussen. In der U-Haft verfügte er zeitweilig über ein unentdecktes Handy. Im nächsten Verhandlungstermin gibt es hier vielleicht Klarheit. Jochen Berns kündigte an, dass sowohl das Handy des Zeugen wie auch das Handy des Angeklagten ausgelesen werden konnten – inklusive zwischenzeitlich gelöschter Dateien. Fortgesetzt wird am Mittwoch um 9.15 Uhr.

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