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Landgericht Flensburg : Mordfall Mert Can: Tumult im Schwurgerichtssaal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Zeuge muss in Sicherheit gebracht werden. Die Kammervorsitzende knöpft sich Mert-Can-Fangemeinde im Zuschauerraum vor.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 06:53 Uhr

Birte Babener, Vorsitzende der 2. Großen Jugendstrafkammer, fand am Mittwoch, es sei höchste Zeit für ein paar klärende Worte. Dabei war es erst der Beginn des vierten Verhandlungstages im Prozess gegen die Cousins I. und R., die wegen des gewaltsamen Todes des 20-jährigen Mert Can unter Mordanklage stehen. Aber es hatte sich außerhalb und innerhalb des Gerichtssaales schon genug ereignet, um laut und deutlich Klartext zu sprechen. Adressat: die Facebook-Community „Gerechtigkeit für Mert Can“, die überwiegend den Zuschauerraum des Schwurgerichts besetzt.

Den aktuellen Bezug für Babeners Ansprache hatte der Montag geliefert. 16.15 Uhr, kurz vor Schluss, hatte die als Nebenklägerin auftretende Mutter des Getöteten eine Frage an den Zeugen E. stellen wollen. Doch statt einer Anfrage hob die Frau zu einer sehr emotionalen Anklage gegen den 23-Jährigen an, der an jenem Tag so denkbar wenig von dem erinnerte, was er in seiner polizeilichen Vernehmung ausgesagt hatte. Und dann erhob sich im Zuschauerraum auch noch der Vater des Getöteten und rief dem Zeugen lauthals auf Türkisch etwas zu.

Der Sicherheitsdienst war schnell zur Stelle, doch standen jetzt auch weitere Mitglieder des schwarzen Mert-Can-Blocks auf, es gab einen kurzen Tumult, ehe Ruhe einkehrte. Der Zeuge war unterdessen in Sicherheit gebracht worden. Aus gutem Grund. Angeblich habe der Vater ihm angedroht, dass etwas geschehen werde, wenn er nicht endlich sage, was er weiß, berichten Prozessbeteiligte.

Das war noch lange nicht alles. Unter Bezug auf Berichte von Wachleuten wies Staatsanwalt Jochen Berns darauf hin, dass Mert-Can-Sympathisanten versucht hätten, dem Zeugen nach seiner Entlassung aufzulauern. Sie suchten in Beratungszimmern und der Tiefgarage des Gerichtsgebäudes nach ihm. Ein weiterer Mert-Can-Fan soll sich einem Polizisten widersetzt und ihn beschimpft haben, weil ihm die obligatorische Körperdurchsuchung bei der Eingangskontrolle zu langsam verlief; das Bild wurde abgerundet durch Bedrohungen der Zeugen in sozialen Medien. In einer am Montag veröffentlichten Sprachbotschaft wird den wichtigen drei Zeugen – auf der Fahrt zum Tatort anwesende, aber an der Tat nicht beteiligte Personen – vorgeworfen, sie seien alle Mörder.

Bei einigen Prozessbeteiligten setzt sich der Eindruck, viele im Freundeskreis des Getöteten verwechseln eine Hauptverhandlung mit einem öffentlichen Tribunal, an dem auch das Publikum fleißig mitwirken könne. Babener sagte an die Adresse der Eltern: Sie habe Verständnis, dass dieses Verfahren sie sehr berührt. „Aber wenn Sie das hier nicht aushalten, dann müssen Sie rausgehen.“ Jochen Berns schließlich wies auf die große Bedeutung der angefeindeten Zeugen für die Verhandlung hin. Ohne sie hätte er gar nicht Anklage erheben können. Er warb angesichts der immer wieder sichtbar werdenden Feindseligkeiten um verbale Abrüstung. „Das sollte doch auch im Sinn der Familie sein, die hier nochmals mit dem schrecklichen Geschehen konfrontiert wird.“

Zeugen wurden am Mittwoch auch vernommen. Die erste Zeugin aus dem Freundeskreis des Getöteten im Publikum hatte sich spontan gemeldet, weil der Zeuge E. sich – anders als in seiner polizeilichen Vernehmung – fünf Monate später schon nicht mehr daran erinnern konnte, dass der mutmaßliche Haupttäter I. über ein Butterflymesser verfügte. Genau dies aber habe E. ihr kurze Zeit nach der Tat versichert, sagte sie gestern. Der I. habe immer ein Messer dabei gehabt. Damit hatte sie eine Zeugenaussage mit perfekter Passform für die Beweislücke in der Hauptverhandlung geliefert, logisch, dass die Verteidiger die Aussage mit Vorsicht genossen: Anwalt Bernhard Mussgnug fand es merkwürdig, dass die Zeugin diese Exklusivauskunft erst jetzt erinnere und damals nur mit einer Freundin geteilt habe. Immerhin sei im Mai die Diskussion in den sozialen Medien auf Höchsttouren gelaufen. „Da war man doch gierig auf jede Information, die man bekommen kann.“

Davon kann die zweite Zeugin ein trauriges Lied singen, die in der Tatnacht als Unbeteiligte plötzlich tief in das Geschehen hineingezogen wurde. Die 21-Jährige war das Mädchen, auf das Mert Can angeblich aufpassen sollte. Die junge Frau trug aber vor, dass Mert Can mitnichten ihr Aufpasser war. Am Abend in der Diskothek habe Mert Can vielmehr missbilligt, dass R. sie freundschaftlich begrüßt habe. Als der angetrunkene R. sie zehn Minuten später drängte, mit ihm zu tanzen, habe sie abgelehnt und Mert Can habe ihn mit vor die Tür genommen. Dort sei der für die spätere Messerattacke ursächliche Streit eskaliert, R. habe Altunbas einen „Hurensohn“ genannt. „Darauf reagieren die Jungs ja am meisten.“

Die Mert-Can-Gemeinde, die ihren Freund medial zur Lichtgestalt verklärte, ließ die junge Frau bald fallen. Im sozialen Netzwerk war ihre Integrität schnell unter einem Haufen Falschmeldungen begraben: Mal sollte sie Mert Cans Mördern die Adresse gegeben haben, mal an dem Abend mit dem Angeklagten R. „rumgemacht“ haben, mal soll sie von R. vergewaltigt und/oder verprügelt worden sein, am hartnäckigsten hielt sich der Vorwurf, überhaupt schuldig am Tod von Mert Can Altunbas zu sein. Das hat sie stark getroffen. Es habe viele Posts gegeben, sagt sie. „Aber es wird weniger.“

Der Prozess wird am 2. November, 9.15 Uhr, fortgesetzt.

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