zur Navigation springen

Schrecklicher Schwindel via WhatsApp : Morddrohung aus dem Smartphone

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Sie schrie um ihr Leben, aber na ja, ich brachte sie um!“ Eine makabere Ketten-Nachricht über WhatsApp schreckt Eltern und Kinder auf.

Flensburg | Die Datei kam über den Nachrichtendienst WhatsApp direkt aufs neue Smartphone. Von einer ihrer besten Freundinnen. Was Lea von der angehängten Datei zu hören bekam, war weniger freundlich. Für die zehnjährige Flensburgerin war es vielmehr der reine Horror. Eine automatisierte seelenlose Frauenstimme forderte Lea auf, diese Datei in den nächsten 20 Minuten an 20 Leute weiterzuleiten. Wenn nicht, würde sie sterben, mindestens aber grausam verstümmelt und ihre Mutter in fünf Jahren ermordet werden.

Früher hieß so etwas Kettenbrief und wurde in Umschlägen verteilt, später über Fax und E-Mail verbreitet, heute heißt so eine Nachricht „Hoax“ (englisch für Schwindel) und mischt die ganz Jungen in der Technik-affinen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf. Krauses Zeug, das bei Erwachsenen vielleicht für Kopfschütteln sorgt – kindliche Seelen aber komplett aus dem Gleichgewicht bringt. Leas Mutter Jessica A.: „Lea war den ganzen Tag bedrückt. Ganz anders als sonst“, sagt die Flensburgerin. Am Abend rückte ihre Tochter dann mit der Sprache ’raus und zeigte die seltsame WhatsApp-Nachricht. „Hör’ dir das mal an.“ Und spürbar verunsichert: „Mama, stimmt das?“

 

„Hi ich bin Nico und neun Jahre alt und habe keine Hände mehr und mein Gesicht ist voller Narben und Blut wenn du diese Nachricht nicht an 20 Leute schickst komme ich um 0 Uhr zu dir...“ In diesem Stil geht es im Automatenstakkato 56 Sekunden lang. „Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich das hörte“, so Jessica A. Der Erwachsenen fielen die Ungereimtheiten natürlich auf. Wie will der Nico ohne Hände denn wie angekündigt um Null Uhr ins Haus gelangen und das Kind töten? Und warum ist die Mutter erst fünf Jahre später dran? „Wir haben ein langes Gespräch geführt, meine Tochter und ich“, sagt A. „Mein Kind war so verängstigt. Ich musste Lea erst einmal auffangen.“

Und damit war sie nicht die Einzige. Jessica A. versuchte die Nachricht zurückzuverfolgen. Sie konnte fünf Mädchen ausfindig machen, die den Kettenbrief ebenfalls erhalten und aus Angst unverzüglich weitergeschickt hatten. Bei allen das gleiche Muster: Neun bis zehn Jahre alt und durch den Horrorschwindel tief verunsichert. „Die Mädchen haben alle schnell die Bedingungen erfüllt und wie verlangt den Kettenbrief an 20 Leute weitergeschickt.“

Vor gut einem Jahr war der Nico ohne Hände über Niedersachsen hergefallen, tauchte später auch in Bayern auf. Die Welle lief durch das gesamte Bundesland, Eltern berichteten vereinzelt von Panik-ähnlichen Attacken besonders bei den Kleineren, die den üblen Schwindel nicht erkennen konnten. Das Landeskriminalamt ermittelte damals, konnte die Spur zum ursprünglichen Versender aber nicht zurückverfolgen. Zu viele Kinder hatten die Nachricht wie gefordert multipliziert.

In Schleswig-Holstein scheint „Nico“ neu zu sein. „Hier gab es bislang noch keine Probleme mit diesem Kettenbrief“, sagt Polizeisprecher Matthias Glamann – was nicht heißt, das im Äther alles in bester Ordnung ist. „Hoaxes tauchen zunehmend vor allem in sozialen Netzwerken und Messengern auf, überall dort, wo im Netzverbund mit möglichst wenig Filter und Aufwand bei möglichst großer Reichweite kommuniziert werden kann“, so der Polizeisprecher. Problematisch seien derartige Meldungen vor allem, weil sie auch viele Menschen erreichen, bei denen die Medienkompetenz nicht ausgeprägt ist – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen, die mit der neuen Technik nicht aufgewachsen sind. Wenn der Hoax zugeschlagen hat, gebe es nur eins, so Glamann: „Die Nachricht nicht weiterleiten und die Kette durchbrechen. Jeder Nutzer trägt Verantwortung für seine Kontakte – auch in den sozialen Netzwerken.“

Bei Lea A. sind die Folgen des Schockerlebnisses noch heute spürbar. „Sie schläft unruhig. Besonders schlimm ist es, wenn sie dann nachts hochschreckt“, sagt ihre Mutter. „Es wird ein wenig dauern, ehe das verarbeitet ist.“ Für Nico ist die Zehnjährige vorerst nicht zu sprechen. Ihr Smartphone liegt jetzt erst einmal in der Ecke.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 17.Okt.2014 | 07:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen