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Prozess in Flensburg : Mord in Klues: Nachtfahrt mit tödlichem Ende

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Aggression von Null auf Hundert“: Mitfahrender Zeuge spricht über das Geschehen vor und nach der Tat

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 08:00 Uhr

Auf dem Rücken trägt Frau Altunbas eine weiße Nummer auf schwarzem Grund. 16.04.17. Sie sieht aus wie eine Gefangenennummer, ist aber ein Datum. Eines, das sie vielleicht für immer einsperrt mit ihren wohl schmerzlichsten Gedanken.

Am 16. April 2017 war die Nacht, in der ihr einer der beiden jungen Männer gegenüber den Sohn genommen hat. Mit zwei tödlichen Messerstichen in den Bauch. Der Zufall wollte es, dass Frau Altunbas als Nebenklägerin ihren Sitzplatz genau gegenüber jenem Mann bekommen hat, den die Staatsanwalt für den Mörder hält. Wie eine Sphinx sitzt sie da und blickt ihn unentwegt an. I. hat nicht die Kraft, diesem Blick zu widerstehen. Stunden sitzt er da, den Kopf gesenkt.

Am dritten Verhandlungstag verfolgten die Prozessbeteiligten gestern die Stunden vor der Tat. Im Zeugenstand der 21-jährige T., nach eigenen Angaben mit dem Hauptangeklagten locker befreundet. Er berichtet von einem Ausflug zu viert in eine Husumer Diskothek und der dramatischen Zuspitzung der Ereignisse auf dem Rückweg. Im Auto: I., der Angeklagte, und drei weitere Bekannte, die sich bis um 2 Uhr morgens einen fröhlichen Abend gemacht hatten. Auf dem Rückweg war schlagartig Schluss mit lustig. „Das war wie von Null auf Hundert“, erinnert sich der Zeuge, im Wagen kippte die Stimmung schlagartig auf aggressiv.

Der Grund war ein Anruf. Aus Flensburg hatte sich R. gemeldet – der zweite Angeklagte. Mert Can Altunbas habe in einer ihrer Lieblingsbars an der Küste Streit mit dessen kleinem Bruder angezettelt, meldete R. Das war nicht das erste Mal, dass es an den Schnittstellen der jeweiligen Freundes- und Bekanntenkreise gefunkt hatte. Kurz zuvor hatte I’s kleiner Bruder Altunbas zwei kräftige Ohrfeigen verpasst. Schon damals lagen Prügel in der Luft, als I. und Freunde Mert Can auflauern wollten. Damals war es nicht zum Zusammentreffen gekommen, jetzt drohte erneut die Konfrontation. Noch auf dem Rückweg habe I. Telefonate geführt, aber das meiste habe er auf Albanisch besprochen. Verstanden hatte der Zeuge nur: I. wollte die Sache mit Altunbas klären, R. habe wohl gedroht, Mert Can zu töten, weil der seinen kleinen Bruder angegriffen habe.

Der Wagen steuerte den Hafermarkt an, wo nach Erinnerung des Zeugen der stark alkoholisierte R. an Bord genommen wurde, danach ging’s weiter zu Altunbas’ Elternhaus in Klues. I. wies den Fahrer an, auf dem Parkplatz des ehemaligen Aldi-Marktes am Kupfermühlenweg zu wenden und zu warten. Er und sein Freund seien in der Nacht verschwunden, sie hätten gewartet, so der Zeuge. Als I. und R. nach zehn Minuten zurückkamen, gab’s keine Erklärungen. Die beiden seien angerannt gekommen, erinnert sich der Zeuge. „Gestresst und außer Atem.“ Als er gefragt habe, was los sei, habe I. nur sein Smartphone mit dem Autoradio verbunden, die Musik aufgedreht und dem Fahrer gesagt. „Du kannst jetzt losfahren!“

Der Rest der Nacht mag dem Zeugen wie ein böser Traum vorgekommen sein. Die Stimmung zwischen I. und R. sei erregt, teils aggressiv gewesen, schildert er. Einmal, als R. seine Freundin anrufen wollte, habe I. ihn am Kragen gepackt und angebrüllt: „Du hältst die Fresse! Du kannst niemandem mehr trauen!“ Erklärungen gab es nicht. Fragen seien nicht beantwortet worden. Die beiden hätten viel auf Albanisch geredet. I. habe die drei ahnungslosen Mitfahrer aber angewiesen, gegenüber der Polizei zu leugnen, in Klues gewesen zu sein. Sie hätten I. und R. dann nach Angeln gefahren, wo R.’s Freundin wohnte. Wieder zurück in der Stadt habe der Fahrer an einer Tankstelle noch einen Duftbaum gekauft. Wegen des Zigarettengestanks. „Den mochte seine Mutter nicht.“

Schlafen ging er, nachdem er einen kryptischen Auftrag von I. abgearbeitet hatte, nämlich dessen Vater zu bitten, „all die Waffen und so verschwinden zu lassen.“ Das Erwachen – ein Schock! Am nächsten Tag kam Mitfahrer E. vorbei, habe ihm die Posts auf Facebook gezeigt. Da sei ihm schlagartig alles klar geworden. „Das war der reinste Schock!“

Der Prozess wird am Montag, 9. Oktober,  um 9.15 Uhr fortgesetzt.

 

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