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Leben ohne menschliche Kontakte : Modul 1 in Flensburg: Selbstversuch im Schaufenster

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kunst- und Biologiestudentin Katharina-Sophie Herr verzichtet eine Woche auf direkten Kontakt zu Menschen und nutzt nur soziale Medien.

Flensburg | Eine Kostprobe des Selbstversuchs bekommt die Journalistin per SMS: „Hallo“ hat Katharina-Sophie Herr der Frau vor der Tür geschrieben, nachdem sie selbst kurz freundlich durchs Fenster geblickt hat. Dann widmet sich die Studentin wieder dem Smartphone.

Katharina-Sophie Herr wohnt in der Roten Straße. Um dieses Zuhause in Flensburgs schönster Gasse würde sie jeder Einheimische oder Tourist sicher beneiden, wenn’s denn nicht unter diesen Umständen wäre. Am Sonntagabend ist Herr für eine Woche ins Schaufenster eingezogen – hat ein Zimmer, Bad, eine Kochplatte und eine Kühlbox. Die Flensburgerin, Jahrgang 1984, studiert Kunst und Biologie und unterzieht sich im Ausstellungsraum der Universität, dem Modul 1, einem Experiment: „Ich werde auf jeden direkten zwischenmenschlichen Kontakt verzichten“, schreibt sie. Sie geht nicht raus, telefoniert nicht, trifft niemanden. Stattdessen schreibt Katharina-Sophie Herr einen Blog, simst, sucht und findet Freunde auf Facebook. Und sie wird diese „extreme Erfahrung“ in ihrer Bachelor-Arbeit unter dem Titel „Künstlerischer Selbstversuch zwischen Medien, Privatheit und Öffentlichkeit“ untersuchen. Ihre „Verfolger“ online ermuntert sie, mit ihr herauszufinden, ob sich die These der amerikanischen Soziologin Sherry Turkle „Alone Together“ bewahrheitet.

Im Leben draußen besitzt die junge Studentin gar kein smartes Mobiltelefon, für den Versuch habe sie sich extra eines geliehen. Sie gilt als naturverbunden, beschreibt sich selbst als jemanden, der „sehr an der direkten, persönlichen Kommunikation“ hänge. „Es sind mehrere Erlebnisse, die mich dazu bewogen haben“, begründet sie und berichtet von einem: Sie habe einen sehr guten Freund nach längerer Zeit zufällig in einer Bar getroffen, der während ihres Gesprächs immer wieder sein Smartphone zückte, etwas tippte und es wegsteckte. „Nach dem vierten Mal fragte ich, ob das jetzt gerade wirklich sein müsse. Er wusste gar nicht, was ich meine.“ Oder sie sei im vorigen Jahr mit ihrer Familie in Berlin unterwegs gewesen. Die kleine Gruppe habe die Adresse eines Restaurants gesucht. „Drei Menschen fingen an, in ihren Smartphones zu suchen. Da fragte ich laut, warum wir nicht einfach jemanden fragen“, erinnert sich Herr. Und prompt half ein Fußgänger, der sofort die Antwort wusste. In ihrer Wohngemeinschaft habe sie ein Smartphone-Verbot für die Küche einführen müssen, weil ihr das Daddeln bei den gemeinsamen Essen auf den Keks ging.

Vorräte für ihre Woche in Klausur habe sie mitgenommen, bereitet Salat zu, isst Müsli oder kocht Käse-Lauch-Suppe – und vergisst gelegentlich zu essen, wie sie schreibt. Am zweiten Tag findet sie es „schon merkwürdig, gar nicht zu sprechen“, am dritten beobachtet sie aus dem Fenster bestimmt eine Stunde lang die vorbeieilenden Menschen. Am vierten Tag wecken sie zwei nette Besucherinnen, die an die Fensterscheiben „Guten Morgen wünscht die Außenwelt“ und „Wo bleibt die Sonne“ kritzeln. Und Katharina-Sophie Herr findet einen süßen Gruß von den Nachbarn gegenüber, dem Wein- und Rumhaus Braasch: Rumkugeln, natürlich!

Am Sonntagabend endete das Experiment. Probandin Herr wusste schon vorab genau, was sie zuerst machen wird: „Erstmal meine Freunde fest in den Arm nehmen, gemeinsam kochen und essen und danach einen Spaziergang zur Hafenspitze (leider ohne meinen Hund, weil der bei meinen Eltern untergebracht ist) – und das Smartphone wieder abgeben.“

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erstellt am 22.Feb.2015 | 12:00 Uhr

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