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Flensburger Tageblatt

14. Dezember 2017 | 07:42 Uhr

Langballig : Modisches aus dem Hühnerstall

vom

Kerstin Hansen Paulsen etabliert anspruchsvolles Modegeschäft mitten auf dem Land.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2013 | 07:15 Uhr

Langballig | Die berufliche Erfolgsgeschichte von Kerstin Hansen Paulsen beginnt ganz privat. Sie lernte ihren heutigen Mann kennen und zog 2004 zu ihm - mit zwei kleinen Töchtern aus einer vorherigen Beziehung - von Bredstedt nach Freienwillen. "Gut Freienwillen", genauer gesagt. Es handelt sich um ein über 100 Jahre altes Herrenhaus mit markantem Veranda-Eingang zwischen Langballig und Langballigau.

Das Gut ist ein Traum. Umstanden von uralten Linden, Rapsfeldern, die Ostsee ganz nah. Die 700 Schweine, die zum Hof gehören - man sieht und riecht sie nicht. Dazu 225 Hektar Ackerland, das in Kooperation bewirtschaftet wird. Darum kümmert sich Ehemann Sven Hansen, in vierter Generation auf dem Hof. Schon adlige Familien wie die Ahlefeldts und Rantzaus haben sich hier wohl gefühlt. "Hier kann ich schalten und walten wie ich will", zitiert Kerstin Hansen Paulsen einen von ihnen. Genau das wollte sie endlich auch.

Den Eltern zuliebe hatte sie Steuerfach- und Bürogehilfin gelernt. Doch statt ihrem Bruder die Bücher im elterlichen Baugeschäft zu führen, ging sie nach Husum zum Verkaufen - Kleidung, Schuhe, irgendwelche schönen Dinge. Dafür habe sie "Antennen", sagt sie, "es machte mir einfach mehr Spaß als Büroarbeit." Der Wunsch, so etwas mal in Eigenverantwortung zu machen, wuchs - und ließ sich auf Freienwillen, wo inzwischen ihr Sohn geboren wurde, verwirklichen.

"Mutig und wild entschlossen" ließ sie 2008 mit einem Erstausstattungskredit das Wohnzimmer zum Laden umbauen und kaufte in Kopenhagen Kleidung ein. Anfangs viel zu viel, man sei zu gutgläubig, sagt sie heute und unterteilt die vergangenen fünf Jahre in drei Lehr- und zwei Gesellenjahre. "Leidenschaft schafft Leiden." Letztes Jahr habe sie sich übernommen, noch zwei Filialen in Eckernförde und Flensburg aufgemacht. "Ich brauchte Schaufenster, um die Leute nach Freienwillen zu holen. Aber ich saß nur noch im Auto, war nahe am Burnout."

Inzwischen laufe der Laden auf dem Land auch allein. Es gebe eine ständig wachsende Zahl einheimischer Kundinnen und viele Touristinnen, so Hansen Paulsen. Auch Hamburgerinnen wüssten die beschauliche Atmosphäre auf dem Land zu schätzen, kauften schöne Kleidung lieber hier als in der vor Angeboten überquellenden Großstadt. Und: "Ja, man kann damit Geld verdienen", antwortet sie auf die Frage nach dem Verdienst. Von festen Umsatzzahlen mag sie aber noch nicht sprechen - bisher sei jedes Jahr anders gewesen.

Sicherlich ist es nicht so viel, wie der Umbau des ehemaligen Hühnerstalls zum Laden im vorletzten Jahr kostete. Das hat Ehemann Sven organisiert mit 25 Prozent EU-Förderung. Ohne die wäre es nicht gut gegangen: "Der Umbau eines so alten Gebäudes ist immer doppelt so teuer wie ein Neubau", sagt der Landwirt. Für einen noch nicht umgebauten Stall hat seine Frau auch bereits eine Idee: Wohnaccessoires. Zunächst lässt sie sich in diesem Jahr zur Wohnberaterin schulen.

Ein Patentrezept hat Hansen Paulsen nicht - im Gegenteil: "Ich bemühe mich, immer offen zu sein für Neues." Das gelte für Menschen, denen sie begegne, aber auch für die Mode, die sie einkaufe. Bevorzugte sie anfangs noch dänische Firmen, so führt sie inzwischen auch deutsche und holländische, die sie auf der Modemesse in Berlin entdeckt. Die Firmen heißen Foxs, Container, Sorgenfri Sylt, Nice Things, Avoca - nicht in jedem Laden zu finden, gute Verarbeitung, gute Materialien und nicht zu teuer lautet der gemeinsame Nenner. Dieses Jahr gebe es viele bunte Kleider, die man am besten zu derben Softclocks kombiniere, sagt Hansen Paulsen. Sie selbst trägt am liebsten lange Jacken und Stiefel. Einiges in ihrem Geschäft hat das Potenzial ein Lieblingsstück zu werden. Eine Jacke, die man jeden Tag anziehen möchte. Ein Kleid, das man am liebsten auf jedem Fest tragen würde. Und man kann sich sicher sein, dass nicht bald halb Angeln damit herumläuft. Kerstin Hansen Paulsen kauft kleine Stückzahlen ein - "was weg ist, ist weg. Lieber öfter mal was Neues", sagt sie.

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