Kita-Streik in Flensburg : Mit viel Herzblut bei der Arbeit

Corinna Meier
Corinna Meier

Streik: Nicht nur Gehälter, sondern auch die Bedingungen vor Ort müssten verändert werden – meint Erzieherin Corinna Meier.

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09. Mai 2015, 08:05 Uhr

In Flensburg hat gestern ein unbefristeter Streik in den städtischen Kitas begonnen. Für die Eltern heißt das, dass sie ihr Organisationstalent unter Beweis stellen müssen. Es gilt nun, den Nachwuchs irgendwie unterzubringen – oder unbezahlten Zwangsurlaub zu nehmen. Was für Mütter und Väter Stress bedeutet, ist für die betroffenen Erzieherinnen eine Möglichkeit, auf ihre Missstände aufmerksam zu machen.

Corinna Meier hat fünf Jahre lang in einer Flensburger Kita gearbeitet und sich dort um die Krippenkinder gekümmert. Zurzeit studiert sie Frühpädagogik in Hamburg und arbeitet nebenbei privat als Erzieherin für eine Familie. „Ich brauchte Luft“, beschreibt sie die Situation. Der 27-Jährigen sind die niedrigen Gehälter und die Bedingungen in den Einrichtungen bestens bekannt. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre und wird nicht vergütet. Und danach wird es nicht besser. Die geforderte Arbeit sei mit dem aktuellen Personalschlüssel nicht zu leisten, sagt sie. In einer Kita sind zwei Fachkräfte für 20 Kinder vorgesehen, in der Krippe zwei für zehn Kinder. Eine individuelle Betreuung der Kleinen ist da kaum möglich.

Die Aufgaben haben sich Meier zufolge in den vergangenen Jahren immer mehr verändert und neue sind hinzugekommen. Die Kleinsten müssen gewickelt werden und die Größeren werden auf die Schulzeit vorbereitet. Hinzu kommt, dass sich die Erzieherinnen intensiver um Migrantenkinder kümmern müssen, da diese aus einer anderen Kultur kommen und deshalb mehr Verständnis brauchen, was Alltagsgewohnheiten und auch die Sprache angeht. „Eine Erzieherin ist mit viel Herzblut dabei und möchte Eltern und Kindern die Qualität bieten, die sie erwarten“, erklärt die Wahl-Flensburgerin, die aus dem nordrhein-westfälischen Lübbecke stammt. Und das sei mit nur zwei Mitarbeiterinnen pro Gruppe schwierig. Eine Springerkraft wäre für sie eine gute Lösung, denn diese könne sich zusätzlich mit den Kindern beschäftigen und würde da eingesetzt, wo Bedarf besteht.

Dass die hohe Belastung auch gesundheitliche Folgen für die Erzieherinnen hat, liegt nahe. Meier erzählt, dass vor allem die Burnout-Erkrankungen in ihrer Berufsgruppe zugenommen haben. Es gibt aber auch Unterstützung. „Wenn man mal nicht mehr weiter weiß, kann man Supervisionen beantragen und dann bekommt man Hilfe“, erklärt die 27-Jährige.

Auch wenn Meier im Moment nicht in einer Kita tätig ist, ist sie gestern Morgen zum Rathaus gegangen, wo Elternvertreter mit Vertretern der Stadt über eine Lösung des aktuellen Betreuungsproblems beraten wollten. Stadtsprecher Clemens Teschendorf erläuterte auf Anfrage des Tageblatts, dass die Stadt wegen fehlender Erzieher keine Betreuung leisten könne. Bürgermeister Henning Brüggemann habe jedoch mit den Elternvertretern vereinbart, dass die Räume in den Kitas mit Notgruppen von Eltern genutzt werden können, die den Nachwuchs dann selbstständig beaufsichtigen. Die Kita Schwedenheim bietet ab Montag neben den Einrichtungen in Fruerlund, Alter Kupfermühlenweg und Weiche ebenfalls eine Notgruppe an.

Mit dem Streik fordern die Gewerkschaften und Erzieherinnen nicht nur mehr Geld. Meier erklärt, dass auch etwas für die Rahmenbedingungen und Erzieher-Gesundheit getan werden muss. Sie bedauert, dass die Eltern die Leidtragenden sind, aber das sei nötig, damit etwas passiert. Alle Beteiligten hoffen auf eine baldige Einigung.

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