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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2017 | 01:58 Uhr

Hürup : Mit Stroh und Lehm zum Eigenheim

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Hüruper Freunde bauen fast ausschließlich mit natürlichen Rohstoffen. Sie wollen gemeinsam in dem Mehrgenerationenhaus leben.

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2017 | 19:26 Uhr

Die Baustelle mitten in Hürup ist nicht zu übersehen. Direkt neben dem Friedhof entsteht eine neues Mehrfamilienhaus mit 420 Quadratmetern Wohnfläche. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal: Handwerker wuseln über das Gelände, der Rohbau ist eingerüstet, Richtkränze baumeln am First. Nur der Geruch, der sich mit jedem Windstoß verbreitet, verrät: Hier wird mit Stroh gebaut. Genauer: mit Strohballen.

Nicht ohne Stolz führen die Bauherren Hanno Otzen, Christoph Baumann, Heike Falk und Anke Modersitzki den Besuch über die Baustelle. Die Freunde erfüllen sich mit dem Haus einen Traum, denn sie werden dort gemeinsam einziehen. „Wir wollen ein generationsübergreifendes Wohnen einrichten, eine Wohnung ist noch frei“, erklärt Christoph Baumann. Die Idee habe die Freunde schon länger beschäftigt. „Im Gespräch war es immer mal wieder. 2015 haben wir mit den konkreten Planungen begonnen“, sagt Hanno Otzen.

Dabei sei nicht von Anfang an klar gewesen, dass das zu planende Gebäude ein Strohballenhaus wird. „Im Gegenteil, ich war mir ziemlich sicher, dass es das nicht wird“, erinnert sich Christoph Baumann. „Ich konnte nichts damit anfangen“, gibt er zu. Doch Hanno Otzen war damit nicht zufrieden: „Ich habe vor fünf Jahren an einem Stroballenbauseminar teilgenommen und wusste: Das möchte ich einmal umsetzen.“ Um seinen Freund zu überzeugen, schickte er ihn auch auf das Seminar – und hatte Erfolg: „Ich wollte am Ende nichts anderes mehr“, erzählt Christoph Baumann und lacht.

Im März ging es nach zwei Jahren Planung los. Es entstand ein tragendes Ständerwerk mit vielen Fächern, in die die gepressten Strohballen seit Anfang der Woche von fünf Strohbauern eingebracht werden.In einem nächsten Schritt werden die Wände mit Lehm verputzt. Mit vor Ort sind zudem Seminarteilnehmer, die in Hürup lernen, wie der Hausbau in der Praxis funktioniert. So sei eine lebendige Mitmachbaustelle entstanden, auf der eine besondere Stimmung herrscht: Die Handwerker wohnen in einem benachbarten Haus. Nach Feierabend werde zusammen gegrillt und auch schon mal ein Bier getrunken.

„Wir leisten hier Pionierarbeit, die ganz viele Menschen zusammenbringt. Ich habe das Gefühl, das ganze Dorf nimmt Anteil“, sagt Dirk Großmann, der die Strohbauanleitung übernommen hat. Er ist extra aus Verden bei Bremen nach Hürup gekommen, um sein Wissen weiterzugeben. Seit 20 Jahren beschäftig er sich mit dieser Bauweise. Doch warum sollte man mit Stroh, Lehm und Holz statt mit Steinen bauen? Darauf hat er eine schnelle Antwort: „Stroh ist ein einfacher Baustoff, der ökologisch ist und nebenbei auch noch sehr gut dämmt“, erklärt er. Insgesamt 900 Ballen werden verarbeitet. Sie stammen von einem benachbarten Feld. „Das Stroh wurde in Hürup angebaut, geerntet und eingelagert. Ökologischer geht es kaum“, findet der Experte. Zudem werde für die Herstellung keine zusätzliche Energie benötigt: „Eigentlich ist Stroh ja nur ein Nebenprodukt, das auch noch CO2 bindet“, erklärt er und fügt hinzu: „Die Ökobilanz ist also unschlagbar.“ Der Handwerker hat beeindruckende Zahlen parat um diese Aussagen zu illustrieren: „Mit der Energie, die aufgewendet wird um ein ähnliches herkömmliches Haus zu bauen, kann ein Strohballenhaus 70 Jahre beheizt werden.“ Ein weiterer Vorteil dieser Bauart sei das besondere Raumklima. Der Lehmputz binde überschüssige Feuchtigkeit und gebe diese in trockeneren Zeiten wieder ab.

„Die Anfälligkeit gegen Feuchtigkeit ist natürlich auch ein Problem. Daher muss das Haus gut geschützt werden“, erklärt Großmann. In Hürup erhält der Bau deswegen auf den Wetterseiten Holzaußenwände, die anderen Seiten einen Kalkputz. Und wie ist es mit der Feuergefahr? Die sei nicht größer als bei herkömmlich gebauten Häusern. Durch die hohe Dichte der Ballen seien diese nur schwer entflammbar.

Trotz des zusätzlichen handwerklichen Aufwands ist ein Strohballenhaus nicht viel teurer als ein konventionelles Haus. „Man muss mit etwa sieben Prozent mehr rechnen“, so Großmann. Der Aufwand sei jedoch gerechtfertigt. „Endlich können Handwerker wieder das machen, wofür sie ausgebildet sind.“ Rund 250 Strohballenhäuser gibt es in Deutschland.

Die zusätzlichen Kosten nehmen die Hüruper Bauherren gerne auf sich. Sie können es kaum noch abwarten, bis sie einziehen können. „Ich stelle mir schon vor, wie es aussehen wird“, gibt Heike Falk zu. Lange dauert es nicht mehr. Spätestens im November soll das Haus fertig sein.


> Die Bauherren veranstalten am Freitag, 9. Juni, von 12 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür. Adresse: Am Ehrenmal 3.

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