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Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 13:46 Uhr

Porträt : Mit Herz und Pappnase im Altenheim

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hannes Wendt ist seit zehn Jahren staatlich geprüfter Clown und hilft alten Menschen mit großem Einfühlungsvermögen

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2014 | 12:13 Uhr

Sein Arbeitsplatz sind die Altenheime und Seniorenresidenzen der Region. Mittlerweile hat Hannes Wendt 25 von ihnen auf seiner Liste. Doch auch zu Hause, in seiner Wohnung auf Jürgensby, hat er einen Arbeitsplatz. Am Computer hilft ihm eine genaue Übersicht über seine Termine, den Durchblick zu behalten. Ein weiteres Programm erstellt ihm auf einen Mausklick die passende Rechnung. Und in dem hohen Eckschrank ist fast sein gesamtes Inventar untergebracht – von der Pappnase über die Ukulele bis zum grellgelben Kostüm.

Hannes Wendt ist staatlich geprüfter Clown. „Das ist wichtig“, sagt er. „Das hilft bisweilen, neue Kunden zu überzeugen.“ Drei Jahre hat er an einer speziellen Schule in Hannover das Clownswesen studiert. Jetzt hat er einen strukturierten Alltag als Geriatrieclown: ein Einsatz vormittags, einer nachmittags, meist jeweils zwei Stunden.

Die Struktur des Alltags ist dem 56-Jährigen, der vielen Flensburgern noch als Rockmusiker gut bekannt ist, wichtig. Denn Hannes Wendt hatte schon mal ein anderes Leben mit Pappnase. Als einer von zwei Sängern der „Fuckin’ Kius Band“ war er eine regionale Berühmtheit, tobte in ständig wechselnden Verkleidungen über die Bühnen der Clubs, spielte auf dem Jübek-Festival, hatte Kultstatus in der Szene. Doch auf diese Zeit blickt er mit gemischten Gefühlen zurück – vor allem auf die damit verbundenen Alkohol- und Drogenexzesse. „Damals hieß es: Hau weg die Scheiße. Heute sage ich: Lass weg die Scheiße.“ Heute hilft ihm die Struktur des Alltags, aber auch das neue Selbstwertgefühl. Nach zehn Jahren kennt Hannes Wendt den Wert seiner Arbeit und lässt sich von niemandem reinreden.

Denn er hat ein Konzept, eine Idee. „Als Geriatrieclown gehe ich Beziehungen zu den Menschen ein, für die ich agiere.“ Er geht dicht ran, schüttelt Hände, nimmt in den Arm, setzt sich auf den Schoß – als Boxer wäre Hannes Wendt wohl eher Fliegengewicht. „Ich bin Clown, Musiker, Mensch und Seelsorger. Und das mische ich wie mit einem Mischpult – mal etwas mehr Mensch, dann den Musiker etwas zurück nehmen.“

In der konkreten Situation mit den oft an Demenz leidenden Bewohnern muss er mit viel Einfühlungsvermögen und Auffassungsgabe agieren. „Da muss man ganz schnell entscheiden und auf eine Situation reagieren.“ Seiner Erfahrung nach wird in der Pflege sehr viel mehr geleistet, als allgemein bekannt. Oft helfe ein bestimmtes Lied, manchmal die direkte Zuwendung. Hin und wieder fließen ein paar Tränen. Das Liedgut, das er pflegt, hat mit Rock’n’Roll nichts zu tun, sondern stammt aus einer anderen Ära: O Donna Clara, Caprifischer, La Paloma, alte Volkslieder, plattdeutsche Songs, auch ein paar englische Lieder sind dabei. „Du musst gern im Mittelpunkt stehen“, sagt er, „aber du musst dich auch zurück nehmen können und anderen den Vortritt lassen.“ Zuwendung ist wichtig, Distanz ist es auch. „Ich nehme keine Schicksale mit nach Hause.“

Doch so ganz will der Musikus den Rock’n’Roll nicht an den Nagel hängen. Jahrelang gab er den Frontmann bei den „Rohling Schdons“, die mit Musik der berühmten Vorbilder ebenfalls Kultstatus in der Region erlangt haben. Eigentlich gibt es die Band nicht mehr, doch am ersten Weihnachtstag wollen sie es im Roxy Concerts nochmal krachen lassen. Die rote Pappnase kann Wendt dann in seinem Eckschrank lassen.

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