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Wiederaufnahme : Mit der Pilkentafel an Bord der Titanic

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Theaterwerkstatt inszeniert das Stück aus der Frühzeit der Gruppe völlig neu und erzielt faszinierende Wirkung

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2013 | 07:00 Uhr

Als Hans Magnus Enzensberger 1978 sein Erzählgedicht „Der Untergang der Titanic“ schrieb, war dies weit mehr als ein literarischer Kommentar zu dem unfassbaren Unglück des Luxusdampfers, der 1912 zur Jungfernfahrt von Southampton nach New York ablegte. Das Versepos aus 33 Gesängen wurde als Metapher für den Weltzustand auf deutsche Bühnen gebracht, verfilmt und ist bis heute ein ebenso schrecklich faszinierender wie aktueller Stoff in den Medien geblieben. Die Bezüge zu Flüchtlingsströmen sind unmittelbar im Text verankert, und die Botschaft lautet „wir sitzen alle in einem Boot, doch die Armen gehen schneller unter“.

Auch die Theaterwerkstatt Pilkentafel dramatisierte den Text und fuhr 1987 mit dem Publikum auf einem Schiff von Flensburg nach Glücksburg zur spektakulären Aufführung auf der dortigen Schiffbrücke. Am Freitag nun präsentierten Elisabeth Bohde und Thorsten Schütte eine Neubearbeitung und brachten den nur leicht gekürzten Text mit einfachen Mitteln wirkungsvoll zur Geltung. Im verdunkelten Saal sitzen nur wenige Zuschauer in bequemen Sesseln, andere auf einfachen Gartenstühlen und die Mehrheit auf unbequemen Bänken. Drumherum indirekt beleuchtete Fenster, hinter denen Bilder von langsam steigendem Wasser auftauchen. Alle im Raum können dabei zusehen, wie ein langsam schmelzender Eisklotz in einer Wasserschale mithilfe von Kamera und Beamer auf eine schmale Leinwand projeziert wird und dort zum gefährlich-schönen Eisberg mutiert. Eine faszinierende Bühnenbild-Idee von Claudia Meier, die ihre suggestive Wirkung nicht verfehlt.

Dieser Eisberg wird dem Riesenschiff zum Verhängnis und den Vorgang, von Enzensberger inklusive technischer Daten in Details rekonstruiert, loten die beiden Schauspieler hauptsächlich lesend aus. Nicht nur sie wechseln dabei die Positionen im Raum, auch die Zuschauer werden zu aktiven Perspektivwechseln aufgefordert und erleben hautnah die Unterschiede von der Unterklasse zur First Class, sofern sie einen Platz ergattern. Viele Personen kommen zu Worte: ironisch oder gläubig, klaustrophobisch oder überheblich sind ihre Kommentare zum Geschehen. Während oben noch Party gefeiert wird, stehen andere unten schon im Wasser. Die Texte sind nicht so einfach nachzuvollziehen, auch wenn sie eindrucksvoll gelesen werden. Schließlich wird in den Gesängen halluziniert, gezweifelt oder gefeiert und mittels beigefügter Zwischentexte die Balladen gleichzeitig kommentiert. Eingespielte bösartig-musikalische Potpourris („Davon geht die Welt nicht unter“) gehen unter die Haut, und das Lachen bleibt im Halse stecken. Doch es taucht an einem Höhepunkt der Aufführung wieder auf, als Thorsten Schütte rhythmisierte Verse zu einer frivolen Tanzeinlage singt. Schüttes schauspielerische Fähigkeiten legen das Stimmungsruder immer wieder um, und das tut dieser spannenden und hochaktuellen Aufführung gut.

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