Reportage : Mit der Feuerwehr ins neue Jahr

Prost Neujahr: Um Mitternacht stießen Sven Petersen, Florian Thiele, Peter Thomas Lauritzen und Marco Bayer (v.l.) an der Hafenspitze an – mit Apfelschorle und Mineralwasser.
1 von 2
Prost Neujahr: Um Mitternacht stießen Sven Petersen, Florian Thiele, Peter Thomas Lauritzen und Marco Bayer (v.l.) an der Hafenspitze an – mit Apfelschorle und Mineralwasser.

Die Silvesternacht mit der Berufsfeuerwehr Flensburg - eine Reportage.

shz.de von
02. Januar 2015, 12:31 Uhr

Gegen 21.30 Uhr durchbrechen ein lauter Gong und eine Durchsage über Lautsprecher die Runde am kalten Buffet. Es ist keine gewöhnliche Silvesterfeier, die hier ihr vorzeitiges Ende findet. Wir sind in den Räumlichkeiten der Berufsfeuerwehr. 22 Männer und Frauen verrichten in der letzten Nacht des Jahres ihren Dienst auf dem Löschzug oder den Rettungswagen. Von 18 Uhr bis 7 Uhr am Neujahrsmorgen sind sie für die Sicherheit der Bürger zuständig. „Silvester ist kein Tag wie jeder andere“, erklärt Carsten Herzog, der Chef der Berufsfeuerwehr. „Wir haben an diesem Abend und in der Nacht mehr Personal als üblich im Einsatz. Es sind deutlich mehr Menschen unterwegs, und durch Alkohol, Böller und Raketen steigen die Gefahr von Verletzungen und Bränden“, so Herzog weiter. Zusammen mit dem Rettungsdienst Promedica sind Silvester sechs Rettungswagen, ein Notarzt, der Löschzug der Berufsfeuerwehr sowie die Freiwillige Feuerwehr Klues in ständiger Bereitschaft.

Ist es schwierig, für die Silvesternacht ausreichend Personal zu finden? Herzog verneint: „Die Kameraden haben da ein System entwickelt, wo sich jeder für eine Schicht an Weihnachten, Silvester oder am Neujahrstag einträgt. So muss jeder nur eine dieser recht unbeliebten Schichten übernehmen. Man kann sagen, dass die Einsatzkräfte hier an Silvester nahezu freiwillig ihren Dienst verrichten.“

Das bestätigt auch der 33-jährige Krispin Richter, der seit 2008 bei der Flensburger Berufsfeuerwehr ist. „Für mich war es wichtig an Heiligabend zu Hause bei meiner Familie zu sein, somit arbeite ich dann lieber an Silvester.“ Kameradschaft wird bei der Feuerwehr groß geschrieben. So ist es selbstverständlich, dass sich die Kameraden den Silvesterabend so angenehm wie möglich gestalten. Jeder steuert etwas zu einem großen kalten Buffet bei, und im Aufenthaltsraum wird zu Schichtbeginn erst einmal gemeinsam gegessen. „Bei der Feuerwehr ist es familiärer als vielleicht anderswo und an einem Abend wie heute noch ein wenig mehr“, sagt Carsten Herzog.

Eine im Großen und Ganzen ruhige Silvesternacht beginnt unruhig. Der Gong und die Durchsage der Leitstelle lösen das familiäre Beisammensein gegen 21.30 Uhr auf. Das Stichwort „Hilflose Person hinter verschlossener Wohnungstür“ ruft das HLF 2 (Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug) auf den Plan. Ein Einsatzstichwort, das nicht den ganzen Löschzug, bestehend aus zwei HLF und einer Drehleiter, fordert, sondern nur eine Gruppe, die sich vor Ort um das gewaltsame Öffnen der Wohnungstür kümmert. Gemeinsam mit dem Rettungsdienst und der Polizei wird die Wohnungstür geöffnet und der Bewohner, ein älterer Herr, in die Diako gebracht. Bereits bei der Anfahrt zur „Türöffnung“ folgen die nächsten Alarme. Die übrigen Fahrzeuge des Löschzuges und die Freiwillige Feuerwehr Klues rücken zu einer ausgelösten Brandmeldeanlage in den Osten der Stadt aus. Kurze Zeit später werden die ersten brennenden Mülleimer gemeldet, nun sind Löschfahrzeuge der Feuerwehr, koordiniert von der Leitstelle in Harrislee, gleichzeitig in mehreren Stadtteilen im Einsatz.

Auch für den Rettungsdienst folgt ein Start von null auf hundert in den Silvesterabend. Eine Schlägerei mit mehreren verletzten Personen an der Schiffbrücke ruft zwei Rettungswagen auf den Plan. Zwei Jugendliche sind aneinander geraten, auch der Vater des einen mischt sich kurz darauf schlagkräftig in die Auseinandersetzung ein. Die Bilanz: zwei Verletzte. „Unter alkoholisierten Partygängern oder wenn Kinder mit Knallkörpern und Raketen hantieren, passiert schon häufiger mal ein Unfall als üblich“, berichtet Herzog. „Je mehr geknallt wird, desto mehr passiert auch in Flensburg“, resümiert er die vergangenen Jahre, „wirtschaftliche Situationen und auch das Wetter spielen ebenfalls eine Rolle, bei schlechter Witterung wird tendenziell weniger geknallt als bei gutem Wetter.“

Gegen 23 Uhr von den Einsätzen zurückgekehrt, folgen nur Minuten später erneut mehrere Einsätze parallel. „Zunächst wurden wir zu einem piependen Rauchwarnmelder in den Breedlandweg gerufen“, berichtet Marco Bayer, der Zugführer in dieser Nacht. Der komplette Löschzug und ein Rettungswagen rücken aus, mit Blaulicht und Martinshorn geht es quer durch die ganze Stadt. Es ist kaum Verkehr, die Einsatzkräfte erreichen in wenigen Minuten den Einsatzort. „Noch auf der Anfahrt erreichte uns ein zweiter Alarm, in der Katharinenstraße meldeten Anwohner ebenfalls einen Rauchwarnmelder, der lautstark auf sich aufmerksam machte, somit mussten wir den Löschzug teilen und die Feuerwehr Klues unterstützte uns“, so Bayer weiter. In beiden Fällen konnte wenig später ein Fehlalarm festgestellt werden, leere Batterien waren die Ursache. Die Bewohner finden nach der Rückkehr von ihrer jeweiligen Silvesterfeier ein neues Schloss und eine Mitteilung der Polizei vor.

Kurz vor Mitternacht können sich alle Fahrzeuge des Löschzuges wieder einsatzbereit melden, rechtzeitig um den Jahreswechsel und das damit verbundene Feuerwerk am Hafen zu erleben. Angestoßen wird auch, jedoch mit Apfelschorle und Wasser. Während Tausende Flensburger am Hafen lautstark und farbenfroh ins neue Jahr hinein feiern, sitzen die Einsatzkräfte buchstäblich auf heißen Kohlen – man rechnet jederzeit mit den ersten Einsätzen durch Feuerwerkskörper. Doch es bleibt nahezu ruhig; gegen 0.15 Uhr muss ein brennender Busch in der Mürwiker Straße abgelöscht werden und gegen 0.40 Uhr rücken vier Kameraden mit dem HLF 2 zu einem brennenden Pappkarton aus, der nach zehn Sekunden gelöscht ist – die letzten, ziemlich unspektakulären Einsätze für die Silvesternacht. Aus Feuerwehrsicht blieb es fortan ruhig, während sich die Kameraden des Löschzuges nach und nach in ihre Ruheräume zurückzogen, versorgen die Besatzungen der Rettungswagen noch bis in die Morgenstunden leicht verletzte und alkoholisierte Partygänger.



zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen