Mit der Bahn kam Schwung ins Dorf

<dick>Haus mit langer Geschichte</dick> (rechts): Dorfkrug 'Windloch', Kleinbahnhof Engelsby, Diskothek 'Pony' - heute italienisches Restaurant.
Haus mit langer Geschichte (rechts): Dorfkrug "Windloch", Kleinbahnhof Engelsby, Diskothek "Pony" - heute italienisches Restaurant.

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01. April 2010, 03:59 Uhr

engelsby | So nah an der Stadt - und doch so ländlich. Wenn auch der Bauboom der Nachkriegsjahrzehnte diesen Stadtteil in das monotone Ambiente der Mietshäuser, Wohnblocks und Hochhäuser beamte, gibt es doch bis heute Reste beschaulichen Landlebens zu entdecken. Engelsby-Dorf ist dafür nördlich der Nordstraße das Musterbeispiel - in nächster Nähe des Trabanten-Stadtteils Engelsby ist Flensburg in Engelsby-Dorf noch am ländlichsten.

Am schönsten präsentiert sich dieses Dorf im Hochsommer, wenn die liebevoll angelegten Bauerngärten ein Meer von Blüten zeigen, hohe Hecken um die Grundstücke, Häuser unter Reetdach, kleine Wasserlöcher und drumherum wogende Getreidefelder. Nur ein paar Schritte weiter nach Osten rauscht der Verkehr auf der Osttangente. Deren Erbauer haben Engelsby-Dorf einen hohen Lärmschutzwall spendiert.

Markant am alten Dorf Engelsby um 1500 war ein großer, freier Platz zwischen den Bauernhäusern 2, 5, 7 und 11: die "Forta", der Viehsammelplatz, von dem die Wege in alle Richtungen abgingen. Der Platz ging später in den großen Gärten auf und ist heute noch zwischen den Gehöften zu erahnen. Um die Häuser lagen einst die Tofte, die Flächen, über die die Besitzer des Hofes frei bestimmen durften. Alles übrige Land gehörte der Gemeinschaft des Dorfes. Ackerland umgab wie ein Kranz das Dorf. Der äußerste Ring war Weideland.

Der nächste Schub in der Entwicklung Engelsbys kam von kleinen Leuten. Von den Besitzern der großen Höfe kauften oder pachteten sie kleine Grundstücke längs der heutigen Engelsbyer Straße, auf denen sie eine Kate bauen, außerdem Gemüse für die Familien anbauen konnten. Es waren eher armselige Häuser, ihre Besitzer Handwerker, die ihr Können auf den umliegenden Bauernhöfen anboten.

Die Entstehungszeit der Katen: 1726 Haus-Nummer 66 bis zu der heute noch vorhandenen, romantischen Reetdach-Kate Nummer 81 im Jahr 1755. Besitzer der Katen waren auch jüngere Bauernsöhne, die bei einer Erbschaft leer ausgingen, weil eine weitere Hofteilung als Verteilung der Erbschaft den Bauernhof in seinem Bestand vernichtet hätte. Andere Kätner mussten für ihre Pacht dem Bauern Dienst leisten.

An der Ecke des Weges nach Glücksburg (Engelsbyer Straße) und der Abzweigung nach Vogelsang (Neuer Weg) stand seit 1760 der "Krug", die Wirtschaft des Dorfes. Er trug den seltsamen Namen, der sich auf die ganze Katensiedlung übertragen sollte: "Windloch", plattdeutsch "Pussloch". Sowohl dem West- als auch dem Ostwind war das Haus ungeschützt ausgesetzt.

Eine massive Veränderung des Ortes brachte die Eröffnung der Kleinbahn Flensburg-Kappeln 1885. Das kostensparende Kleinbahn-Prinzip, die Trasse an vorhandene Gastwirtschaften heranzuführen und sie so zu Bahnhöfen zu machen, galt auch für den Krug in Engelsby. Längs der "Chaussee" nach Glücksburg erreichten die Schienen den Bahnhof. In einer der Villen an der Engelsbyer Straße soll ein Wandgemälde hängen, das die Situation zeigt: Schienen, Straße, Vorgärten, Hausfronten. Der kleine Bahnhof erhielt ein paar Gleise, um Waggons rangieren und abstellen zu können. Mit der kleinen Bahn war Engelsby in wenigen Minuten von der Stadt aus zu erreichen, und das brachte den Wandel: Längs der Chaussee entstanden stattliche Villen und auch erste Mietshäuser bis hin zum Kirchenweg.

Die neue Zeit machte sich in Engelsby noch ganz anders bemerkbar: Es wurde hell! Die östlichen Gemeinden fassten 1890 den Plan, ein Stromnetz aufzubauen - Engelsby war dabei. In der Nähe des Bahnhofs wurde 1906 das Elektrizitätswerk gebaut. Schon drei Jahre später übernahm es die Stadt Flensburg, die damit für die Stromversorgung zuständig war. Das kleine E-Werk war damit überflüssig und erhielt eine neue Funktion: Es wurde zum Spritzenhaus der örtlichen Feuerwehr. Wenn auch der Schlauch- und Aussichtsturm wegen Baufälligkeit abgerissen wurde: Das Gebäude steht heute noch, allerdings ungenutzt.

Gut erschlossen durch die Dorfstraßen, lag es nahe, in Engelsby Platz für Neubauten zu suchen, um Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu geben. Und die massenhaft entstehenden Neubauwohnungen der 1960er Jahre förderten den Trend "Raus aus der Stadt". Dass damit auch große soziale Probleme aufgetürmt wurden, merkten die Stadtplaner erst später. Den Plattenbau-Charme synthetischer Ossi-Vorstädte wird Engelsby wohl nie verlieren.

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