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Flensburger Tageblatt

25. November 2017 | 01:25 Uhr

Flensburg : Mit 200 Sachen der Erde entgegen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Unsere Mitarbeiterin hat beim Luftsportverein Flensburg auf dem Flugplatz Schäferhaus einen Tandemsprung gemacht.

Flensburg | Wie fühlt es sich an, mit 200 Kilometern in der Stunde Richtung Erde zu rasen? Das Gesicht wird gestrafft, so dass man den Mund kaum schließen kann, die Hände werden klamm, die Ohren stehen gehörig unter Druck. Davon abgesehen ist es ein tolles Gefühl! Der Fall wird nur durch den Luftwiderstand gebremst und ich muss auf meine Arme, die ich im rechten Winkel neben dem Kopf halte, ebenso Gegendruck ausüben wie auf die Beine, damit sie nicht herumschlackern.

Zum Glück bin ich nicht alleine, als ich aus 4500 Metern Höhe über Flensburg in Richtung Erdboden falle: „Tandemmaster“ Christian Haack-Gutzeit ist an meiner Seite. An den Schultern und der Hüfte sind wir durch unsere Gurte miteinander verbunden, was zwar unheimlich unbequem ist, mir aber ein Gefühl von Sicherheit gibt. Christian – auf dem Flugplatz ist man schnell per Du – hat in 25 Jahren 2500 Fallschirmsprünge erlebt. Um sich mit Laien wie mir vor der Brust aus dem Flieger stürzen zu dürfen, hat er eine spezielle Ausbildung durchlaufen. Seine Tandemlizenz muss er alle drei Jahre verlängern, sein Fallschirm mit Leinen und Gurten alle zwei Jahre zum Tüv. Zudem „prüfen wir unsere Ausrüstung vor jedem Sprungtag“, sagt Christian.

Die Vorbereitung für den Sprung beginnt in einer Halle auf dem Flugplatz Schäferhaus, wo der Luftsportverein Flensburg zu Hause ist. Die 1982 gegründete Fallschirmsparte hat 30 aktive Mitglieder, darunter Christian. Für ihn bin ich der vierte Tandempartner an diesem Tag. Nach jedem Sprung packt er seinen blau-gelb gestreiften Fallschirm mit 48 Leinen wieder sorgfältig ein. Dabei drückt er die überschüssige Luft mit vollem Körpereinsatz aus dem Schirm, was ein wenig an das Einrollen eines Schlafsacks erinnert.

Ich ziehe einen Anzug an und werde verschnürt wie ein Weihnachtspaket. Beide Beine und Arme müssen durch Gurtschlaufen durch, alles wird festgezogen. Eine Mütze gegen die Kälte – auf 4500 Metern herrschen oft Temperaturen unter null Grad – und eine Brille komplettieren mein Outfit.

So geht es hoch in den blauen Himmel und über die wenigen Schönwetterwolken. Eine Viertelstunde dauert es, ehe der „Pink Skyvan“ die Ausgangshöhe erreicht. Das graue Transportflugzeug, das den farbenfrohen Namenszusatz zu Unrecht trägt, bietet bis zu 24 Springern Platz und ist mehrmals im Jahr auf dem Flugplatz Schäferhaus zu Gast. Wir sitzen auf dem Boden der Maschine, die sich mit dröhnenden Motoren in die Lüfte hebt. Bei über 2000 Metern Höhe verbindet Christian unsere Gurte und wir machen eine letzte Trockenübung für den Absprung. Ich lasse mich hängen und ziehe die angewinkelten Beine nach hinten. Mit den Armen halte ich mich an den Schultergurten fest, mache ein Hohlkreuz und nehme den Kopf zurück.

Auf 3000 Metern Höhe setze ich Mütze und Brille auf, wenig später öffnet sich die Heckluke des Flugzeugs und ich blicke direkt in den Abgrund. Als die ersten Springer einfach rausplumpsen, bekomme ich doch Muffensausen. Stünde ich alleine hier, würde ich vermutlich einen Rückzieher machen. Aber ich lasse mich von Christian zur Luke schleppen, nehme die Absprunghaltung ein und ehe ich es realisiere, fallen wir schon.

Erst geht es kopfüber Richtung Erde, dann drehen wir uns auf den Bauch. Sobald er mir auf die rechte Schulter klopft, weiß ich, dass ich meine Hände ausbreiten kann. Wir fallen. Eine Minute lang. Der Blick auf Flensburg, die Förde und die gelben Rapsfelder ist atemberaubend schön. Damit wir zu zweit nicht zu schnell fallen, zieht Christian einen kleinen weißen Bremsfallschirm.

Gerade als der Druck auf den Ohren schmerzhaft wird, gibt es einen heftigen Ruck und wir sind wieder in der Senkrechten – und fliegen! Als sich der Fallschirm öffnet, was spätestens in 1500 Metern Höhe der Fall sein muss, bremst sich die Geschwindigkeit von 200 Kilometern in der Stunde auf 20 ab. Ich bin froh, die Brille abnehmen zu können und genieße den Rundumblick. Christian lockert die Hüfthaken für mehr Bewegungsfreiheit und gibt mir die zwei Steuerleinen. Ziehe ich nach rechts, fliegen wir in diese Richtung. Das ist schwerer, als es aussieht.

Nach wenigen Minuten kommt der Flugplatz in Sicht. Wir landen im Sitzen: Knie anziehen, Beine strecken und mit dem Po über den Rasen rutschen. Meine Knochen ächzen, aber die Landung ist weicher, als so manche im Flugzeug. Mein Blut ist voll Adrenalin und im Gesicht trage ich ein breites Grinsen.

Von April bis Oktober bietet der Luftsportverein Flensburg an Wochenenden Tandemsprünge aus 3000 Metern Höhe an. Der „Pink Skyvan“ ist vom 29. September bis 3. Oktober wieder am Flugplatz Schäferhaus.

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