Tödliche Messerstiche : Mireille B.: Mordprozess in Flensburg nähert sich dem Ende

Bewegender Abschied: Zahlreiche Menschen gedachten am  16. März in der Nikolaikirche der getöteten Mireille.
Bewegender Abschied: Zahlreiche Menschen gedachten am 16. März in der Nikolaikirche der getöteten Mireille.

Mireille wird mutmaßlich von ihrem Freund erstochen. Die blutige Tat erschütterte viele Menschen über Flensburg hinaus.

shz.de von
16. Dezember 2018, 11:11 Uhr

Flensburg | Der Prozess um die tödlichen Messerstiche auf die 17-jährige Mireille B. in Flensburg steht vor dem Abschluss. An bislang neun Verhandlungstagen hat die Erste Große Strafkammer am Landgericht Flensburg versucht aufzuklären, was am frühen Abend des 12. März genau geschehen ist. Rund 40 Zeugen wurden seit dem 4. September gehört, einige mehrfach, wie ein Gerichtssprecher sagte. Derzeit sei geplant, am Mittwoch noch ein psychiatrisches Gutachten und zwei Zeugen zu hören und dann die Beweisaufnahme zu schließen. Im Anschluss könnten die Plädoyers gehalten werden. Am Donnerstagnachmittag könnte dann das Urteil verkündet werden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten, einem jungen Asylbewerber aus Afghanistan, vor, seine Freundin aus niederen Beweggründen getötet zu haben. Er sei eifersüchtig gewesen, weil die 17-Jährige eine andere Beziehung eingegangen sei. Insgesamt 14 Mal soll er mit einem Küchenmesser zugestochen haben. Mireille verblutete innerlich, so das Obduktionsergebnis. Unter anderem sei durch mehrere Stiche die Körperhauptschlagader geöffnet worden, sagte eine Rechtsmedizinerin während der Hauptverhandlung. Anzeichen für eine Selbsttötung sah die Gutachterin nicht. Der Angeklagte, der nach der Tat den Notruf mit dem Hinweis auf einen Suizidversuch abgesetzt hatte, schwieg bisher zu den Vorwürfen.

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Der Fall hatte weit über Flensburg hinaus Entsetzen und Trauer hervorgerufen – weil das Opfer so jung war und wegen der Ähnlichkeiten mit der Bluttat von Kandel wenige Monate zuvor. In der pfälzischen Kleinstadt starb Ende Dezember 2017 die 15-jährige Mia, nachdem ihr Ex-Freund – ebenfalls ein vermutlich afghanischer Flüchtling – mit einem Messer zugestochen hatte. Dieser Täter wurde im September in Landau/Pfalz wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt.

Anders als in Kandel, wo rechtspopulistische Gruppen die Tat zum Anlass nahmen, um regelmäßig gegen die Asylpolitik der Bundesregierung zu protestieren, blieb es in Flensburg ruhig. Auch der Prozess lief bislang störungsfrei: Keine Plakate, keine Störer, keine Demonstrationen.

Einer Freundin des Opfers zufolge haben der Angeklagte und Mireille etwa zwei Jahre lang eine On-Off-Beziehung geführt. Diesmal habe die 17-Jährige aber die endgültige Trennung gewollt, sagte die 18-Jährige vor Gericht. Es habe für sie glaubhaft geklungen. Mireille lebte alleine in einer Wohnung. Sie stand wie der mutmaßliche Täter seit Jahren unter der Obhut des Jugendamts Flensburg – das Mädchen wegen ihrer schwierigen Familiensituation, der Afghane, weil er 2015 als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland gekommen war.

Das Alter des Angeklagten zur Tatzeit war zunächst mit 18 Jahren angegeben worden. Doch daran gab es während der Ermittlungen immer mehr Zweifel, Gutachten wurden beauftragt, sich mit der Altersfrage auseinanderzusetzen. Deren Fazit: Der Angeklagte muss zur Tatzeit mindestens 21 Jahre alt gewesen sein. Anhand verschiedener Kriterien hatte eine Rechtsmedizinerin das Alter auf wahrscheinlich sogar 29 Jahre taxiert. Auch ein Radiologe kam zu dem Schluss, dass der Angeklagte nicht erst 18 Jahre alt gewesen sein kann. Das Alter ist entscheidend für die Frage, ob im Fall einer Verurteilung Jugendstrafrecht angewendet werden kann oder nicht.

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