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Sparmaßnahmen bei der Gesundheit : Millionen-Mangel: Flensburger Krankenhäusern fehlt das Geld

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Behandlungszimmer und Wartezeiten in Diakonissenanstalt und Franziskus-Hospital entsprechen nicht mehr den Erwartungen vieler Patienten. Die Kliniken benötigen jetzt 130 Millionen Euro Landesmittel für Baumaßnahmen.

Der Fisch stinkt vom Kopf: Änderungen im Gesundheitssystem zwingen auch die beiden Flensburger Krankenhäuser dazu, wirtschaftlicher zu arbeiten. Als Folge dessen sind die Patienten-Liegezeiten deutlich gesunken, Dafür bleibt den Krankenschwestern weniger Zeit für die Pflege. Daher gibt es Kritik von den Patienten – und den Pflegern: Franziskus-Pflegedienstdirektorin Uta Wroblewski sagt: „Ein Gespräch in Ruhe, bei dem der Patient Befindlichkeiten, Sorgen, Ängste, Nöte mitteilen kann, gibt es nicht mehr.“ Die Rechnung sei daher ganz einfach: Dies plus die ohnehin knapp bemessene Zeit für Pflege führt oft zu Frust bei den Patienten. Dabei wünschen sich gerade die älteren unter ihnen solchen Kontakt mit den Pflegekräften. Wroblewski: „Es gibt immer mehr vereinsamte Patienten, deren Angehörige in Deutschland oder der Welt verstreut leben.“

Doch damit nicht genug: „Die Fälle häufen sich, in denen wir Patienten in ein anderes Zimmer verlegen müssen“, berichtet Franziskus-Schwester Ilona Ruch. Die Gründe dafür seien vielfältig: „Teilweise ist aufgrund der hohen Auslastung das vorgesehene Zimmer nicht frei, teilweise ist eine Isolierung durch Keimbefall notwendig.“ Und immer häufiger sei es nötig, ältere Patienten aufgrund ihrer schweren Erkrankungen nachträglich auf eine andere Station oder in ein anderes Zimmer zu verlegen. Ruch: „Hausintern haben wir daher ,Verschieben‘ zum Unwort des Jahres gekürt.“

Galgenhumor haben die Franziskus-Pflegekräfte bitter nötig. „Es gibt kaum bis keine Möglichkeiten, die Lebens- und Leidensgeschichten unserer Patienten für sich zu verarbeiten“, beklagt Wroblewski. „Und die nehmen einen schon sehr mit.“ Nahezu identisch äußern sich Diako-Schwestern. Doch selbst nach Dienstschluss finden viele Pflegekräfte nicht die Ruhe, das Erlebte zu verdauen – und ihre Zahl wächst: „Die Familienverhältnisse haben sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert“, berichten leitende Diako- und Franziskus-Angestellte übereinstimmend. „Immer mehr Mitarbeiter sind alleinerziehend, müssen sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern oder haben andere private Probleme.“ Die Strapazen des Schichtdienstes seien dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Das gilt auch für die Ärzte. „Zusätzlich führt Ökonomisierung der Medizin im Krankenhaus zum Attraktivitätsverlust des Arbeitsplatzes“, sagt Henrik Herrmann, Vorsitzender des Marburger Bunds Schleswig-Holstein. „Gerade die Dauerbelastung durch vermehrte Wochenend- und Bereitschaftsdienste stellt ein Problem dar.“

Das beurteilt Gesundheitswissenschaftler Prof. Roland Trill ähnlich. Dennoch sieht er gute Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen Krankenhaus-Personal und Patienten zu verbessern. „Die Kundenorientierung ist auch an den Flensburger Häusern zu wenig ausgeprägt, da spielt fast nur die Organisation eine Rolle.“ Mit anderen Worten: Die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Patienten ist sehr wichtig, aber auch deutlich verbesserungswürdig. „Ärzte reden zu oft an den Patienten vorbei, wenn sie mit ihren Fachausdrücken jonglieren.“ Dies sei nicht mehr zeitgemäß. „Ein Arzt muss nicht nur Naturwissenschaftler sein, sondern auch Sozialwissenschaftler und Psychologe.“

Zustimmung bekommt er auch von Ärztevertreter Herrmann: „Eine funktionierende Arzt-Patienten-Kommunikation ist von entscheidender Bedeutung für Sicherheit und Erfolg der Behandlung.“ Dennoch scheitere es zu häufig genau daran. Schuld daran seien vor allem Ökonomisierung und Bürokratisierung der Medizin. Herrmann: „Daher müssen wir die Kommunikationskompetenz in der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung stärken sowie Zeit und Raum für eine intensive Arzt-Patienten-Kommunikation schaffen.“

Doch den Krankenhäusern mangelt es nicht nur an Zeit und Raum, sondern auch am Geld – und das in großem Stil: „Unser reines Kerngeschäft, die medizinische Versorgung, ist defizitär“, räumt Franziskus-Chef Klaus Deitmaring ohne Umschweife ein. Allein die Kosten für den gestiegenen Verwaltungsaufwand im Zuge der DRG-Einführung schätzt Deitmaring für sein Haus auf rund 750.000 Euro jährlich. Das entspricht dem Jahresgehalt von 18 examinierten Franziskus-Krankenschwestern.

Die Mehrausgaben müssen an anderer Stelle wieder ins Haus fließen, denn rote Zahlen darf Deitmaring nicht schreiben. „Die Verluste kompensieren wir durch Zusatzeinnahmen, wie unsere Cafeteria, kostenpflichtige Parkplätze oder Vermietung von Einzelzimmern an Patienten.“

Besorgnis erregender ist die Lage bei der Diako: „Allein mit der Notaufnahme machen wir jährlich rund eine Million Euro Verlust“, berichtet Vorstand Karl-Heinz Vorwig. „Pro ambulantem Notaufnahme-Patienten entstehen Kosten in Höhe von rund 130 Euro, die Krankenkassen übernehmen aber nur pauschal 32 Euro.“ Zwar gebe es auch bei der Diako Zusatzeinnahmen, etwa durch das Parkhaus, aber die reichen nicht aus. Vorwig: „Die Verluste gleichen wir hauptsächlich durch Einnahmen aus der stationären Behandlung aus.“

Das müsste die Diako womöglich nicht, wenn das Krankenhaus in Mainz statt in Flensburg stehen würde. Denn die pro Patient von den Krankenkassen übernommenen Kosten unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. „Die Höhe der pro Fall gezahlten Pauschale ist historisch gewachsen und wird seit einigen Jahren Schritt für Schritt bundesweit vereinheitlicht“, erläutert FH-Professor Trill.

Deutlich drastischer formuliert es Bernd Krämer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein: „Das Land wird bis heute dafür bestraft, dass die Kliniken bis zur DRG-Einführung 2004 wirtschaftlich gearbeitet haben.“ Kein Bundesland bekommt für Krankenhausbehandlungen weniger Geld als Schleswig-Holstein zur Verfügung gestellt. „Gegenüber dem Bundesdurchschnitt bedeutet dies derzeit ein landesweites Minus von 23 Millionen Euro jährlich.“ Die rheinland-pfälzischen Kliniken erhalten sogar 123 Millionen Euro mehr von den Krankenkassen.

Geld, das das nördlichste Bundesland gut gebrauchen könnte – auch wenn es nur für Behandlungszwecke genutzt und nicht in das Gebäude gesteckt werden darf. Doch auch dort sind Investitionen dringend nötig. Das zeigen nicht zuletzt die Patientenbeschwerden. Sie reichen von zu langen Wartezeiten bei der Aufnahme oder Behandlung in der Notaufnahme über zu kleine Zimmer bis zu Ärger über Sanitäranlagen. „Für 2000 Patienten pro Jahr sollte nach Bauarchitekten-Rat ein Zimmer vorgehalten werden“, sagt Diako-Vorstand Vorwig. „Bei rund 60  000 Patienten in der Notaufnahme ergibt das 30 Behandlungsräume, tatsächlich haben wir aber nur 14.“ Dementsprechend müssten die Patienten regelmäßig lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Ein Neubau erscheint sinnvoll. Vorwig: „Nach nun 140 Jahren ist dies notwendig, um die Baustruktur heutigen Anforderungen anzupassen.“ Anpassungsbedarf besteht auch im Franziskus-Hospital. „Wir haben hier nur noch schwerkranke Patienten, aber trotzdem müssen die sich manchmal zu Acht ein Bad und eine Toilette teilen“, berichtet Deitmaring.

Für Änderungen baulicher Art ist das Land zuständig. „Wir wissen, dass gerade in Flensburg der Schuh zunehmend drückt“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Marret Bohn. Die Flensburger SPD-Abgeordnete Simone Lange ergänzt: „Das Sanierungsvorhaben unserer Krankenhäuser umfasst ein Finanzvolumen von rund 90 Millionen Euro.“ Selbst dieser Betrag sei zu gering, sagt Vorwig: „130 Millionen Euro sind nötig, davon 90 Millionen Euro allein für die Diako.“

Das Problem: Im Jahresetat des Landes sind lediglich rund 40 Millionen Euro für Krankenhaus-Investitionen vorgesehen – für alle Kliniken im Land. „In diesem und den beiden nächsten Jahren investiert das Land nochmals zusätzliche 30 Millionen Euro in den landesweiten Krankenhausbau“, sagt Lange.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Diako nach Angaben des Kieler Gesundheitsministeriums für verschiedene Projekte knapp 32 Millionen Euro erhalten, das Franziskus gut 15 Millionen Euro. In den Augen der Verantwortlichen beider Häuser ist dies allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Daher versuchen beide bereits, Investitionen mithilfe erwirtschafteter Eigenmitteln zu stemmen – obwohl das überhaupt nicht ihre Aufgabe ist. Doch das Geld müsse er zunehmend verwenden, um Löcher im medizinischen und pflegerischen Bereich zu stopfen, berichtet Deitmaring. „Die DRG-Zuweisungen dafür reichen nicht aus.“ Ein Teufelskreis. Ein Ende der Situation ist nicht in Sicht.

Das schlägt sich auch in der Attraktivität der Pflegeberufe nieder: „In den vergangenen zehn Jahren können wir einen leichten Rückgang der Bewerbungen feststellen“, berichtet Frauken Laß vom Ökumenischen Bildungszentrum für Berufe im Gesundheitswesen. Dort werden die Pflegekräfte der Flensburger Kliniken ausgebildet. „Waren es früher fünf bis sechs Bewerbungen, sind es heute circa vier Bewerbungen pro Ausbildungsplatz.“ Ein Rückgang von bis zu einem Drittel für die derzeit 175 Stellen. Die Abbrecherquote liegt bei rund sieben Prozent und ist vergleichsweise gering.

Darüber können sich Diako und Franziskus freuen, denn Nachwuchs wird dringend benötigt: Ohne die Auszubildenden liegt der Altersdurchschnitt der 1638 Diako-Mitarbeiter bei 42,2 Jahren. Während 330 Mitarbeiter – inklusive der Freiwilligendienstleister – noch keine 30 Jahre alt sind, überschreiten 549 Mitarbeiter die 50-Jahre-Grenze.

Ähnlich sieht es im Franziskus-Hospital mit seinen 411 Beschäftigten aus: 75 Mitarbeitern unter 30 Jahren stehen 140 Mitarbeiter gegenüber, die älter als 50 Jahre sind. „In zehn Jahren gehen viele Kollegen in Rente, das bereitet mir Bauchschmerzen“, sagt Pflegedirektorin Wroblewski. „Wir wollten zum 1. April drei neue Krankenschwester-Stellen besetzen, das ist uns mangels Bewerbern nicht gelungen.“

Davon ist Franziskus-Geschäftsführer Deitmaring nicht überrascht. „Wer heute in die Pflege geht, der muss Überzeugungstäter sein.“ Das gilt auch für die Bezahlung im Vergleich zur geleisteten Arbeit. Nach seinen Angaben verdient eine Franziskus-Pflegekraft gemäß Tarif durchschnittlich gut 3400 Euro brutto. „Zuschläge für Wochenend-, Sonn- und Feiertagsarbeit sind bereits enthalten.“

Bei der Diako ist der Betrag ähnlich, wie die Tarif-Gehaltstabellen belegen. „Die gestiegenen Ansprüche an die fachliche Ausführung der Pflege sowie die hohen Anforderungen in Verbindung mit durchgehend unangemessenen Personalstellen in den Einrichtungen sollte mit einer höheren Vergütung einhergehen, aber das Gegenteil ist oft der Fall“, sagt Pflegerats-Vertreter Vilsmeier.

Zudem müsste sich etwas an den langen Arbeitszeiten und der zunehmenden Bürokratisierung ändern, fordert Ärzte-Vertreter Herrmann. Andernfalls drohe eine Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland. „Das ist gerade in grenznahen Städten wie Flensburg ein Problem.“

Daher sieht Gesundheitswissenschaftler Trill auch die Stadt in der Pflicht. „Sie muss sich darum kümmern, dass Flensburg für Arbeitnehmer ein attraktives Umfeld darstellt.“ Im Vergleich zu anderen Kliniken in Deutschland seien die Flensburger Häuser gut aufgestellt und machen gute Arbeit. Das bestätigen die Krankenkassen Barmer GEK, DAK, BKK, IKK und TK.

Davon kann sich Jeannine le Coutre derzeit nichts kaufen. „Nicht die Arbeit, die wir machen, setzt uns zu“, sagt sie, „sondern das, was wir gern machen würden, aber zeitlich nicht schaffen.“ Daher hat sie es eilig. Und hetzt weiterhin mit langen Schritten den Stations-Flur entlang, auf dem Weg zum nächsten Patienten.

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