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Wallsbüll : Metal-Dämonen und ein Hauch von Woodstock

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Open Air knüpfte an alte Festival-Tradition an / Rund 2000 Besucher kamen zur Neuauflage

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2013 | 08:16 Uhr

Wallsbüll | Der Veranstaltungsort war ein anderer, das Programm war auf einen Tag gestaucht und mit rund 2000 Besuchern wurden die alten Rekordzahlen des Wallsbüll Open Airs erwartungsgemäß bei Weitem nicht erreicht. Aber nach zwölfjähriger Unterbrechung war am Himmelfahrtstag der alte Geist des legendären Festivals zu spüren. Viele hatten Zelte aufgestellt oder waren mit dem Wohnmobil angereist. Wie damals begann die Party auf dem Parkplatz.

Deshalb versäumten nicht wenige den als Headliner angekündigten Rod, der bereits am Nachmittag auftrat. Wer weiß auch schon, dass neben Farin Urlaub und Bela B. das dritte Mitglied der "Ärzte" ein gebürtiger Chilene ist und mit bürgerlichem Namen Rodrigo Andrés González Espindola heißt. Rod ist unkompliziert, und mit seiner Band ¡Más Shake! zauberte er entsprechend unkomplizierte Klänge auf die Platte. "Eins, zwei, cha-cha-cha!" Die spanischen und englischen Songs kamen an. "Wollt ihr ein fetziges oder halbfetziges Stück?", fragte der Star vor der zweiten Zugabe - keine ernsthafte Frage.

Insgesamt neun Schornsteinfeger bewegten sich über das Gelände. "Die sollen Glück bringen", verrieten die Chef-Organisatoren Katja Matt und Jan Plagemann, die am Abend eine erste zufriedenstellende Bilanz zogen. "Wir müssen uns vor allem bei den vielen Helfern für ihre unermüdliche Arbeit bedanken, sie waren zwei Wochen in Gang", erklärte Jan Plagemann. Er und seine Mistreiter waren mit dem Wettergott im Bunde: Nach dem Gewitter am Mittwoch erntete man viel Sonnenschein. Den etwas matschigen Boden vor der Bühne akzeptierten die Besucher mit dem üblichen Festival-Humor: So mancher legte eine (freiwillige) Rutschpartie ein und grinste später mit einem schmutzverzierten Woodstock-Gesicht.

Auch die Hamburger Band Montreal war über die Glücksbringer begeistert. Zwei Schornsteinfeger hielten ein Transparent mit dem Bandnamen. Gerade waren sie mit der "U-Bahn-Linie 2" auf eine musikalische Deutschland-Reise gegangen, als sie feststellten: "Das hat doch alles gut geklappt." Da müsste doch auch eine Wette gelingen: Schlagzeuger Max Power sollte via "Menschenbrücke" Getränke-Nachschub besorgen, strandete dann aber vor der Schlange an der Biertheke. Montreal bot dem Publikum eine zweite Chance: Nach dem nächsten Lied sollten drei Bierchen auf der Bühne stehen. Kein Takt war gespielt, da flogen mindestens drei gefüllte Becher in Richtung Band.

Den Montreal-Schwung nahmen die Killerpilze auf. Das Berliner Quartett eröffnete seinen Auftritt mit der neuen Single "Nimm mich mit". Dabei waren die Musiker wörtlich zu nehmen. "Wallsbüll, spring, hey, hey" skandierten sie und sorgten für Dynamik unter den Fans. Mit "Unser Tag am Meer" hatten sie die richtige Vatertags-Melodie gefunden. Düster wurde es beim nächsten Stück - nicht nur weil die Abenddämmerung einsetzte: Hämatom ließ deftige Metal-Rhythmen krachen. Mit Masken oder dämonisch geschminkt traten die "Schocker des Tages" auf und zeigten zwei Gesichter. "Liebe Leute, kommt nach vorn und tanzt mit uns", gab sich der Sänger zunächst als Märchenonkel, um nur einen Song später die Tonlage merklich zu verändern: "Ihr kotzt mich an!" Wer diese vier Herren wohl wirklich sind? Vermutlich sind es Diplom-Geographen. Zumindest nennen sie sich Nord, Süd, West und Ost.

Auf einen musikalischen Bogen in die Festival-Vergangenheit verzichtete das Programm nicht. Illegal 2001 war bereits 1994 Headliner in Wallsbüll. Schon damals hatte ihre Hymne "Nie wieder Alkohol!" keine nachhaltige Wirkung. Die feuchtfröhliche Party dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Den Schlusspunkt setzten "5 kleine Jägermeister" mit Tote-Hosen-Songs. "An Tagen wie diesen" sang mit, wer noch konnte - ein krönender Abschluss für einen denkwürdigen Revival-Abend.

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