Gewalt in Flensburg : Messer im Bauch statt ruhiger Runde am Strand

Lauschige Stimmung am Wasser – am Horizont die dänische Küste mit dem Kollunder Forst.
Lauschige Stimmung am Wasser – am Horizont die dänische Küste mit dem Kollunder Forst.

Krawall am Ostseebad: 20-jähriges Opfer spricht aus seiner Sicht über die Ereignisse vom Wochenende

shz.de von
29. Juni 2017, 06:31 Uhr

Als unübersichtlich kennzeichnet Polizeisprecherin Sandra Otte die Gemengelage um die Messerstecherei in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag am Ostseebad (wir berichteten). Deshalb bat die Polizei am Tag drei danach um die Freigabe von Fotos oder Videoaufnahmen. Bestätigen könne sie nur, dass „ein Konflikt zwischen zwei Mädchen“ dazu beigetragen habe, dass die Situation ausgeufert sei, erklärt Sandra Otte gestern auf Nachfrage. Alle weiteren Auskünfte ihrerseits würden die Ermittlungen gefährden, weshalb sie mehr nicht dazu sagen könne, erläutert die Polizeisprecherin.

Allerdings hat sich Özkan gegenüber dem Tageblatt geäußert. Özkan ist der 20-jährige Flensburger, der in jener Nacht niedergestochen wurde. Noch am Morgen wurde er operiert; seit der Attacke liegt er im Krankenhaus. Der Sohn eines türkisch-deutschen Paares möchte zum eigenen Schutz lieber nur seinen Vornamen öffentlich preisgeben. Noch geschwächt, betont er, dass sein Fall nichts mit dem oder den Mädchen zu tun gehabt habe. Er sei am Sonnabendabend mit einem Cousin und einem Freund zum Strand ans Ostseebad gegangen – um „eine ruhige Runde“ unten am Wasser zu verbringen. Nach einer Weile sei ein kleiner Freund seines Cousins zu ihnen gerannt und hatte ein blaues Auge. Er sei von einem 17-Jährigen geschlagen worden, habe der Freund des Cousins berichtet. Er wollte den Schläger zur Rede stellen, erklärt Özkan, der eine Weile in Freiburg gelebt hat und als Paketzusteller arbeitet. Doch dann stach der Täter zwei mal zu. Am Anfang habe er das nicht realisiert, aber dann kam der Schmerz, erinnert sich Özkan, der zu Boden fiel. Die Menschen um ihn herum hätten gerufen, „bleib da“, wollten ihn bei Bewusstsein halten. Sein Cousin habe Druck auf die Wunde ausgeübt.

Nach wenigen Minuten seien mehrere Polizeiwagen erschienen; die Polizei selbst sprach in der aktuellsten Mitteilung von acht Streifenwagen, die am Ostseebad im Einsatz waren. Der Krankenwagen, sagt der 20-jährige Özkan, habe etwas länger gebraucht, etwa eine Viertelstunde. Außer seinem Cousin habe sich vor allem ein Unbekannter um seine schweren Verletzungen gekümmert, entsinnt er, der habe sogar einen Verband angelegt. Özkan sagt, dass sein Blinddarm durchstochen, seine „Lunge angekratzt“ worden sei.

Denjenigen, der ihm das angetan hat, sah er in jener Nacht am Ostseebad zum ersten Mal, kannte ihn vorher nicht. Der 17-jährige deutsche Tatverdächtige solle zudem ein junges Mädchen geschlagen haben, das geblutet habe. Schnell habe sich um das Mädchen beim Parkplatz an der Schranke bergan eine Menschentraube gebildet. Die habe der Täter geschubst, sei abgehauen, soll aber bei seiner Flucht aufgegriffen und seinerseits von Bekannten des weiblichen Opfers zu Boden geschlagen worden sein. Das berichtet Özkan mehr vom Hörensagen denn aus eigenem Erleben – er habe schließlich am Boden gelegen.

Für die gefühlte Häufung solcher Gewalttaten hat er keine Erklärung. „Ich kann ja nicht wissen, dass ein 17-Jähriger ein Messer hat“, sagt er ratlos und will auch künftig „Stress aus dem Weg gehen“.

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