Landgericht Flensburg : Mert-Can-Prozess: Morddrohungen im Gerichtssaal

Große Anteilnahme: Freunde und Verwandte hängten kurz nach der Tat ein Banner an der Zob-Kreuzung auf. Jetzt soll auf sportliche Weise an Mert Can erinnert werden.
Große Anteilnahme: Freunde und Verwandte hängten kurz nach der Tat ein Banner an der Zob-Kreuzung auf. Jetzt soll auf sportliche Weise an Mert Can erinnert werden.

Cousine des Getöteten bedroht die Angeklagten / Überraschungsaussage belastet Hauptangeklagten I. schwer

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14. Dezember 2017, 06:39 Uhr

Der jüngste Verhandlungstag im Mordfall Mert Can Altunbas bot den Prozessbeteiligten einen Rückfall in alte Zeiten. Bereits im Oktober hatte es aus dem im Zuschauerraum massiv vertretenen Freundeskreis des Getöteten heraus Versuche gegeben, Druck auf Zeugen und Gericht zu erzeugen. Jetzt drehte sich die Eskalations-Spirale noch ein Stück weiter, wie Gerichtssprecher Stefan Wolf bestätigte. Die Prozessbeteiligten wollten den Saal gerade für eine Pause verlassen, da erhob sich eine Frau im schwarzen Mert-Can-Trikot – die Cousine des Getöteten. Sie kündigte den beiden Angeklagten ihren Tod an. „Ihr werdet bald sterben!“

Es waren Worte wie diese, die in der Osternacht dem Mord an dem 20-Jährigen den Weg geebnet hatten. Altunbas war nach einer länger andauernden Fehde mit den beiden Angeklagten und deren Brüdern vor der Tür seines Elternhauses erstochen worden. In der Hauptverhandlung haben die Beteiligten es immer wieder mit Protokollen von Chats und Kurznachrichten in den sozialen Medien zu tun, die den Konflikt der verfeindeten Gruppen mit gegenseitigen Gewalt- und Mordankündigungen befeuerten.

Protokolle mit Worten wie diesen waren auch letzten Montag besprochen worden. Birte Babener, Vorsitzende der Kammer, musste nach dem Zwischenfall einfach zu der Erkenntnis gelangen, dass einige im Freundeskreis des Opfers aus dem tragischen Geschehen in der Mordnacht keine Lehre gezogen haben. Sie verhängte nach kurzer Anhörung für den Rest der Hauptverhandlung ein Saalverbot gegen die junge Frau. Deren Argument, sie habe in der Situation doch nur ganz allgemein vom Tod gesprochen, wollte ihr in diesem Zusammenhang niemand glauben. Auch dem Onkel des Angeklagten I. drohen Konsequenzen. Der hatte die Drohung der Cousine mit einer weiteren Drohung quittiert. „Wir werden sehen, wer hier als Erster stirbt.“

Kein Zweifel: Zeugen im Mert-Can-Prozess stehen unter hohem Druck. Gleich zu Beginn hatte der Vater des Getöteten einem Zeugen auf Türkisch angedroht, dass „etwas“ geschehen werde, wenn er nicht endlich die Wahrheit sage, Freunde von Mert Can hatten nach Beobachtungen von Justiz-Wachleuten (vergeblich) versucht, im und am Gerichtsgebäude Zeugen aufzulauern. Die werden ohnehin schon aus Sicherheitsgründen ausnahmslos durch einen der Nebeneingänge des Landgerichts ein- und ausgelassen, die Verhandlung wird zudem durch Einlasskontrollen und starke Kräfte der Justiz und der Polizei geschützt.

Wohl aus gutem Grund. In einer Sprachnachricht, die vor Gericht bekannt wurde, wurden einige Zeugen als „Mörder“, also als Schuldige identifiziert, die frühere Freundin eines der Angeklagten brauchte einige Zeit auf ihrem Arbeitsweg Polizeischutz. Es wird nicht alle treffen, aber unter den Bekannten und Freunden des Getöteten in und außerhalb des Saals sind offensichtlich einige, die sich nicht nur von Trauer und dem Wunsch nach Gerechtigkeit, sondern von Rachegelüsten leiten lassen.

Mit bangen Gefühlen nahm daher auch der Zeuge T. im Schwurgerichtssaal Platz. T., einer von zwei weiteren Mitinsassen in dem Wagen, der die beiden Angeklagten zum Tatort brachte, hatte seinen letzten Vernehmungstermin effektvoll platzen lassen. Weil er nicht bereit war, ohne anwaltlichen Beistand eine Aussage zu machen, hatte er neben einer Ordnungsstrafe über 250 Euro sogar riskiert, die kompletten Kosten des seinetwegen ausgefallenen Verhandlungstages aufgebrummt zu bekommen. Diesmal erschien er mit Rechtsbeistand – und setzte kurz vor Ende einer stundenlangen zähen und unergiebigen Vernehmung einen zweiten Knalleffekt.

Völlig überraschend schilderte er der Kammer nicht nur, wie ihm der Mitangeklagte R. nach der Tat im Auto gesagt habe, I. habe Altunbas mit zwei Messerstichen getötet. Er bezeugte auch, dass I. ihm in einem späteren Telefongespräch auch bestätigt habe, Altunbas niedergestochen zu haben. Für eine Verhandlung, in der sich die beiden einzigen Augenzeugen – die Angeklagten – gegenseitig belasten, eine wichtige Aussage. Aber was ist sie wert in diesem vergifteten Prozessklima? Auf die abschließende Frage des R.-Verteidigers Bernhard Mussgnug, ob er jetzt vor den Angeklagten Angst habe, sagte er nein. Eher vor den Freunden des Opfers.

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