zur Navigation springen

Begeisterung und Enttäuschung in Flensburg : Menschenmassen – volle Kassen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Weihnachtsmarkt gleicht einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: Holm und Südermarkt profitieren, Große Straße und Nordermarkt bleiben zurück

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2016 | 06:03 Uhr

Der Flensburger Weihnachtsmarkt hinterlässt überall zufriedene Gesichter. Überall? Die Standbetreiber haben keinen Grund zur Klage. Oder doch? Fakt ist: Der Grad der Begeisterung nimmt proportional zum Gefälle in Richtung Norden rapide ab. Eitel Sonnenschein bei klirrenden Temperaturen am Südermarkt und Holm – Große Straße und Nordermarkt aber gucken in die Röhre.

Sonja Winters Glühweinhütte ist dicht umlagert. Die Wirtin schenkt unablässig ein: Heidelbeer, Kirsche, Orange – Glühwein in allen Variationen, Feuerzangenbowle als „Zaubertrank“ und Eierpunsch. Mit oder ohne Schuss. Sie ist seit den Anfängen, also im 10. Jahr dabei und hat ihren tiefblau verkleideten Stand in dieser Zeit von drei auf neun Metern Länge vergrößert. „Inzwischen haben wir eine Stammkundschaft aufgebaut“, sagt sie. Sehr viele Dänen gehören dazu. Trinkfest sind sie alle. Am Wochenende gern auch schon mittags. „Nur jeder Fünfte punscht ohne Alkohol“, sagt Sonja Winters. Sie ist froh über den Standort Südermarkt. Die Kasse stimmt – die Laune steigt.

Auch Mogens Busch kann nicht meckern. Er serviert in der kleinsten Bude des Marktes Glühwein und Schnaps aus Tallin. Und wirft einen Blick nach rechts. Dort steht Edgardo Bustillos. Allein auf weiter Flur. Der Mann aus Peru verkauft selbst gefertigte Lederarmbänder mit silbernen Applikationen, Taschen, Tücher, Portemonnaies. „Ist nicht so doll“, sagt er betrübt. Immerhin sei die Standmiete okay, „nicht so hoch wie etwa in Hamburg“.

Ein paar Meter weiter stoßen Elvira und Rolf Grothkopf aus Harrislee am Stadtwerke-Stand an. Mit der Greencard gibt es auch dort eine Ermäßigung. Jetzt steigt die Vorfreude auf die letzte Woche vor Weihnachten. „Da machen wir regelmäßig den größten Umsatz“, frohlockt auch Kathrin Johannson und reicht eine Rostocker Rauchwurst über den Tresen.

Auf dem Holm ist die englische Telefonzelle, die einst in der Innenstadt ihren Dienst versah, von Ben Heinrich erworben, reaktiviert und neu verglast worden. Viele Touristen bleiben stehen und lassen den Brauch wieder aufleben, sich unter einem Mistelzweig zu küssen. Ben ist zudem extra nach Ipswich gereist, um sich dort in der originären Zubereitung von Fish’n’Chips unterweisen zu lassen.

Sorgenkind bleibt die Große Straße. „Es läuft sehr schleppend“, räumt Frank Gülich ein, der Bosko’s Christkindl Punsch feilbietet. „Nur an den Wochenenden darf man zufrieden sein.“ Es fehle an nahe gelegenen Toiletten. Darauf einen Apfeltrunk mit Calvados! Sandor Jukasz und Krisztina Hamori bleiben lieber bei ihrem Baumstrietzel und Strudel mit Mohn oder Walnuss. Sie bleiben freilich darauf sitzen. „Letztes Jahr war besser“, lächeln sie müde. Müde belächelt wurden Lukas Thyen und Matthias Bartelsen, als sie ankündigten, fernab der Systemgastronomie einen Stand eröffnen zu wollen – ausgerechnet in der Großen Straße. Die beiden Studenten wussten die Skeptiker mit Qualität eines Besseren zu belehren. „Wir haben die Rezeptur für unseren Punsch aus dem Internet zusammengestellt“, sagt Lukas geheimnisvoll, der seine ganzen Ersparnisse in das Projekt gesteckt hat. Jetzt verdienen sie recht gut – und spenden Überschüssiges an die Flüchtlingshilfe.

Veranstalter des Weihnachtsmarktes ist die Tourismus Agentur Flensburger Förde (TAFF). Mitarbeiterin Friederike Schmidt kommt gerade von einem Bummel durch die Stadt zurück. „Natürlich fällt es auf, dass die Große Straße ein Defizit hat“ ,sagt sie. Man versuche, dem mit attraktiven Standmieten entgegenzuwirken, besonders für kunsthandwerkliche Aussteller. „Wir wollen keine reine Punschmeile“, bekräftigt sie, „keine große Theke, nur um die Lücken zu füllen!“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen