Rettungsmission der Marine : Menschenfischer in Uniform

Auf gemeinsamer Rettungsmission: Der bei der FSG gebaute Versorger Berlin (l.) neben der Fregatte Hessen. Fotos: Marine
Auf gemeinsamer Rettungsmission: Der bei der FSG gebaute Versorger Berlin (l.) neben der Fregatte Hessen. Fotos: Marine

Der Flensburger Militärdekan Michael Gmelch nimmt an Bord des Einsatzgruppenversorgers „Berlin“ an der Rettungsmission der Marine im Mittelmeer teil. Als katholischer Geistlicher ist er für die Besatzung zuständig.

shz.de von
13. Mai 2015, 14:30 Uhr

Flensburg | Der Seesack ist zum Glück noch an Bord. Michael Gmelch, katholischer Militärdekan in Flensburg, hatte nach seinem vierwöchigen Einsatz mit dem Einsatz- und Ausbildungsverband (EAV) 2015 kaum Zeit für den Flensburger Frühling. Er hatte an Land gerade wieder Fuß gefasst, da erreichte ihn vor sechs Tagen erneut ein Marschbefehl – einer mit allerhöchster Priorität. Gmelch muss zurück an Bord. Für weitere vier Wochen wird der Einsatzgruppenversorger „Berlin“ Arbeitsplatz und Zuhause. Doch diesmal geht es nicht wie zuvor im Indischen Ozean um Ausbildung. Dieses Mal geht es um Leben und Tod. Der 56-Jährige stößt zur humanitären Rettungsmission der Marine im Mittelmeer. Morgen geht sein Flieger nach Bari, am Freitag schifft er sich in Tarent auf der „Berlin“ ein.

Was kommt? Er weiß es nicht. Auch Michael Gmelch kennt nur die allgegenwärtigen Bilder von verzweifelten Menschen in überfüllten Booten. Als katholischer Geistlicher ist der mittelfränkische Schwabacher mit Dienstsitz in Flensburg für die Besatzung des 1999 in Flensburg gebauten Einsatzgruppenversorgers „Berlin“ (EGV) zuständig. Als Militärpfarrer reiht er sich ein in das für diesen Einsatz zusätzlich eingeschiffte Team aus Ärzten, Psychologen, Sanitätern, Dolmetschern. „Dies hier ist, in allen Dingen, für alle ein absolutes Novum“, sagt Gmelch. „Alle an Bord müssen ihre Rolle wohl noch erst finden.“

An Bord des in Wilhelmshaven beheimateten EGV ist er Ansprechpartner für Schiffsführung und Crew. Dass seine Zuständigkeit die Seelsorge für Menschen muslimischen Glaubens auf dem Hangardeck der „Berlin “ einschließen könnte, ist ein anderer Aspekt eines nie da gewesenen Einsatzes auf einem Schiff der deutschen Marine. Vergangene Woche retteten die Crews beider Einheiten über 400 Flüchtlinge aus dem Meer. Das ist, so sieht es der Militärpfarrer, ein grundlegender Bruch mit dem gewohnten Dienstalltag auf See. „All die Zeit werden Routinen geübt. Werden schnelle Reaktionen auf fiktive Bedrohungen automatisiert. Das ist ja alles nur virtuell“, sagt Gmelch. „Mit einem Mal bekommt für die Besatzungsmitglieder, zum großen Teil sehr junge Leute, eine humanitäre Katastrophe ein menschliches Gesicht. Das werden viele mit in den Schlaf nehmen. Und das wird einige möglicherweise verändern.“

Nach der ersten Rettung vergangene Woche hatte er gleich Kontakt zur „Berlin“. Hatte den Kommandanten bestätigt, der stolz auf seine Crew ist. „Es gibt nichts Größeres als Menschenleben zu retten.“ Und ja, auch Gmelch ist stolz auf diese Marinesoldaten. „Ich hätte mir als Theologiestudent nicht träumen lassen, dass mich das biblische Jesus-Wort „Folget mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“ auf so ungeahnte und konkrete Weise einholen und herausfordern würde.“ Michael Gmelch fühlt sich mit den Menschen an Bord der „Hessen“ und der „Berlin“ wie unter diesen christlichen Fischern. „Jesus hat Fischer berufen und nicht Theologen. Fischer haben Boote und Netze und sie sind mit dem Meer vertraut. Was die Marine hier macht, hat für mich durchaus eine theologisch-spirituelle Qualität.“

Gmelch weiß um die Kritik mancher Medien an Alibi-Missionen, die das Problem nicht an der Wurzel fassen. Aber niemand kommt umhin, zu realisieren, dass Flüchtlinge und Retter nur deshalb unter so dramatischen Bedingungen auf See sind, weil sich in nicht sehr großer Entfernung eine Hölle aufgetan hat. Es bleibt vielleicht nur Hoffnung. „Ich weiß, dass es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Aber die Alternative kann nicht heißen: Dann halt nicht. Ich hoffe, dass mehr daraus wird.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen