Internationaler Jogginghosentag : Flensburg, Stadt der Jogginghosen

Blick auf die Flensburger Altstadt. Hier ereignete sich das Parkplatz-Drama.
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Ein Blick auf Flensburgs Altstadt. Aus dieser Entfernung kann man die Jogginghosendichte nicht erkennen.

Schiffe? Rum? Jogginghosen! Flensburg liebt den Schlabberlook. Skeptische Feldforschung zwischen Jersey und Ballonseide.

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20. Januar 2015, 20:58 Uhr

Flensburg | Am Mittwoch ist Internationaler Jogginghosentag. Meine Stadt hat diesen Tag nicht nötig. Flensburg feiert täglich die Jogginghose. Es ist jetzt zwei Jahre her, dass ich aus dem Münsterland an die Förde zog. Jogginghosen auf offener Straße - das kannte ich damals aus Ruhrgebietswitzen und aus dem Prekariatsfernsehen, von Cindy aus Marzahn und Atze Schröder.

Mein erster Eindruck von Flensburg: „Ganz schön hier.“ Der zweite: „Jogginghosenstadt.“ Sie waren überall. Schlabberig-grau im Bus, aus Blousonseide am Kiosk, mit seitlichen Knöpfen in der Fußgängerzone. Sie bauschten sich um die Gazellenbeine junger Frauen im Café. Ich war verstört.

Eine steile These ist ja ganz schön – sie muss allerdings auch stimmen. Ich habe schon länger keinen Passanten mehr auf die Beine geguckt. In zwei Jahren gewöhnt man sich schließlich an vieles, auch an Jogginghosen. Den Beweis suche ich an einem Dienstagmittag in der Innenstadt.

Ich habe gerade das Auto am Deutschen Haus geparkt, da rast auf einem Fahrrad eine Jogginghose vorbei (1). Schwarz, Seidenblouson, in die Socken gesteckt, an einem jungen Mann. An der Ampel kleidet eine Jogginghose aus grauem Sweatstoff (2) eine junge Frau mit einer riesigen Sporttasche. Als die Ampel auf Grün springt, sprintet sie los. Das muss eine von diesen Sportstudentinnen sein. Jogginghose Nummer 3 entwischt mir nicht so leicht. Sie gehört einem frischgebackenem Vater, er wimmelt mich ab. „Ich hab’ keine Zeit. Meine Frau wartet zu Hause mit unserem Baby. Sehen Sie, ich hab’ gerade einen Schnuller gekauft.“ Er zeigt mir seine Tüte. Jogginghosenträger scheinen in Eile zu sein.

Vor dem Eingang der Flensburg-Galerie treffe ich Bjarne Hansen und Robin Lauenroth – beide in Jogginghosen (4 und 5). Sie tragen diese Hosen „fast immer“. Warum? „Wir sind Hiphop-Tänzer“, sagt Robin. Jogginghosenträger sind oft sportlich.

Jogginghosentag Flensburg
Foto: Barbara Maas
 

In der Galerie – noch mehr Jogginghosen. Eine Mittvierzigerin in einem schwarzem Exemplar und beige-farbener Winterjacke tippt beim Laufen in ihr Handy (6).

Lennard Petersdotter und Ruben Werft lieben ihre Jogginghosen (7 und 8) und tragen sie, so oft es geht. „Weil sie so bequem sind“, sagt Lennard. „Und wegen Handball.“

Jogginghosentag Flensburg
Foto: Barbara Maas
 

„Bequem.“ Das ist auch das Hauptargument von René (9) und Tobi (10). Jogginghosenträger lieben das gemütliche Leben.

Jogginghosentag Flensburg
Foto: Barbara Maas
 

Ich spreche einen Mann mit weißem Bart und Beinkleidern aus Blousonseide (11) an. Er ist Däne – und will nicht mit mir reden. Eine junge Frau treffe ich etwas später in der Großen Straße. Sie trägt ihre graue Adidas-Hose mit Bündchen (12) unter einem schwarzen Mantel, dazu eine graue Mütze und einen Einkaufsbeutel. „Lieber nicht“, sagt sie, als ich sie frage, ob ich ein Foto von ihr machen darf. Jogginghosenträger sind manchmal schüchtern.

Zwölf Jogginghosen in 20 Minuten. Und auf dem Weg zurück zum Auto sehe ich weitere. Der empirische Beweis ist erbracht - Flensburg ist eine Jogginghosenstadt. Mal ehrlich: Schön ist das nicht.

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte einst Karl Lagerfeld bei Markus Lanz. Dass ich mit einem dieser Männer mal zumindest teilweise einer Meinung sein würde, ist übrigens auch für mich ein Schock. Aber Jogginghosenskeptiker müssen zusammen halten.

Ja, ich selbst gebe auch gern mal phasenweise die Kontrolle ab. Abends auf dem Sofa darf die Jogginghose ab und zu mein Leben regieren. Mein Exemplar feiert in diesem Jahr zehnten Geburtstag und war mal dunkelblau. Der Rest ist eins meiner bestgehüteten Geheimnisse. Wenn samstags der Paketbote endlich im dritten Stock ankommt, habe ich längst kuscheligen Fleece gegen Jeans getauscht. Inzwischen lasse ich manchmal die Jogginghose an, wenn ich den Müll runterbringe. Dabei bin ich immer auf der Hut und hoffe, dass ich niemanden treffe. Anderen Flensburgern mag das komisch vorkommen.

Und offenbar nicht nur ihnen. Denn selbst Karl Lagerfeld kippte um. Was trugen seine Models bei der Fashion Week in Paris? Jogginghosen! Stella McCartney kombiniert die Schlabberhose mit Blusen und Glitzertops. Das macht es auch nicht besser – im Gegenteil. Oben hui, unten pfui: Das ist kein interessanter Kontrast, das ist auch nicht lässig, das sieht einfach halb angezogen aus.

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