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Wohin wenn es drückt? : Mehr Fokus auf den Lokus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburg möchte die „Nette Toilette“ einführen / Die vorhandenen öffentlichen Bedürfnisanlagen sind nur bedingt empfehlenswert

Sicher – Flensburg ist schön. Flensburg boomt unter Tagestouristen, die gern mit dem Bus anreisen. Die stehen dann oft und gern am Flensburger Zob. Und das Erste, was diese Menschen nach der Anfahrt bewegt, ist ein ganz ursprüngliches Bedürfnis. Wo bitte geht es hier zum nächsten Klo? Knut Franck, einer der Flensburg-Führer, der diesen Menschen gerade zur Hochsaison täglich begegnet, wettert schon seit Jahren. „Es ist unmöglich, was die Stadt ihren Besuchern zumutet.“ Statt zu städtebaulichen Kleinodien führt die erste Führung meist zur nächst gelegenen öffentlichen Toilette. Und für Flensburgs öffentliche Toiletten gilt: Anders als die allermeisten Bauten gereichen sie der Stadt nicht zur Zier. Schon gar nicht von innen.

Flensburgs Innenstadt verfügt mal gerade über fünf öffentlich zugängliche Stille Örtchen. Drei von ihnen befinden sich in gewerblich genutzten Gebäuden wie der Flensburg-Galerie oder der Holm-Passage und sind sonntags geschlossen. Damit konzentriert sich der Notstand auf die sanitären Anlagen am Zob, am Südermarkt und an der Neuen Straße unweit des Nordermarkts. Die Standorte Zob und Südermarkt sind aus hygienischen Gesichtspunkten unzumutbar – da bleibt nur wenig Auswahl übrig. Ziemlich dürftig für eine Touristenstadt wie Flensburg.

Die leidet darunter, dass Sanitärgebäude beim Menschen vandalistische Regungen auslösen. 130 000 Euro jährlich kostet allein die Instandhaltung des unhaltbaren Ist-Zustands zuzüglich der Unterhaltskosten für Seife, Wasser etc. in Höhe von 15  000 Euro jährlich. Weil all dieser Aufwand seit Jahrzehnten keinen nennenswerten Fortschritt erzielt hat, steuert Flensburg seit einiger Zeit einen anderen Kurs. Er führt zur „Netten Toilette“ – so der Name eines Projekts, der viel über den Zustand der öffentlichen Toiletten aussagt. Das Wirkungsprinzip: Gastronomen und Geschäftsleute öffnen gegen eine jährliche Ausgleichszahlung der Stadt ihre Toiletten.

Als er vor zwei Jahren zum ersten Mal von der „Netten Toilette“ hörte, sah Knut Franck in dem Projekt viele Möglichkeiten. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob das jetzt wirklich was wird“, sagt er, denn diese Diskussion werde schon lange geführt. Im Moment können Geschäftsleute selbst entscheiden, wer müssen darf und wer nicht. Eine verbindliche Regelung wäre hilfreich, meint der Stadtführer. Ob das für seine Touristengruppe aber die Lösung ist, bezweifelt der Flensburger. „Wenn ich erst mit einer Gruppe von 25 Leuten vor dem Laden stehe, weiß ich nicht mehr so recht, ob die Nette Toilette noch so nett ist.“

Beispiele aus anderen Städten zeigen positive Effekte. 2010 wurde das Konzept in Bremen eingeführt. Als eine der ersten Großstädte Deutschlands schaffte man 15 von 17 WC-Containern ab und klebte fleißig Nette-Toilette-Aufkleber an Geschäftstüren. Bremen spart dabei. Statt 1,1 Millionen Euro kostet der Service für die dringenden Fälle nur noch 150  000 Euro jährlich. 73 Betriebe beteiligten sich prompt, allerdings waren viele auch nicht bereit, ihre Toiletten kostenlos jedem zur Verfügung zu stellen.

Das gilt auf Nachfrage auch für Flensburger Gastronomen. Inhaber des „Roten Hof“ Joachim Güstrau findet das Prinzip nicht ordentlich durchdacht: „Jeder, der hierher kommt und fragt, kann gerne unsere Toilette benutzen, aber einfach mit gesenktem Kopf vorbei laufen, ohne ein ’Hallo’ und ’Tschüss’, das geht nicht.“ Er persönlich würde mit seinem Roten Hof nicht an dem Projekt teilnehmen, glaubt aber, dass nur vier oder fünf kooperationsbereite Betriebe für eine erfolgreiche Umsetzung des Konzeptes ausreichen würden.

Die Stadt Flensburg befindet sich derzeit noch in Gesprächen mit mehreren Gastronomen. Laut Verwaltungssprecherin Kathrin Ove will die Stadt zur Hauptsaison das Projekt „Nette Toilette“ starten.

Fortsetzung auf Seite 11

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erstellt am 20.Jun.2016 | 07:45 Uhr

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