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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 20:07 Uhr

Max Bahr: Die Nerven liegen blank

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ausverkauf bei der insolventen Baumarktkette hinterlässt bei Mitarbeitern der Filiale Zur Bleiche deutliche Spuren / Zukunft ist bei vielen unklar

shz.de von
erstellt am 17.Feb.2014 | 13:01 Uhr

Der Blick wandert zur Uhr. „Noch eine halbe Stunde, dann habe ich endlich Feierabend“, seufzt Beate Zerlang. Sie lässt die Schultern hängen, ihre Hände zittern. „Dann fahre ich zunächst drei Runden um den Block, um herunter zu kommen, denn so kann ich meinen Töchtern nicht gegenübertreten.“ Der Ausverkauf beim Max-Bahr-Markt Zur Bleiche nagt an ihrer Substanz. Am Dienstag, 25. Februar, schließt die Filiale nach 33 Jahren.

Es ist Sonnabend, kurz nach 12 Uhr Uhr. Der Parkplatz des Bahr-Marktes quillt über, Autofahrer hupen sich gegenseitig an. Im Geschäft herrscht großer Andrang. Mittendrin: Heidemarie Wichert. Am Info-Tresen im Eingangsbereich ist sie Mädchen für alles: Wichert kümmert sich um reklamierte Produkte, Nachfragen zu Preisen und dem Sortiment. Und ständig klingelt das Telefon. Die Anrufer wollen wissen, was der Bahr-Markt noch in seinem Sortiment führt. Einer ruft sogar aus Hildesheim an, er will ein Flachdach für seinen Pavillon haben. Wichert kommt kaum zum Luftholen.

„Immer mit der Ruhe“, murmelt die zierliche 57-Jährige einem Kunden zu, während sie etwas in den Computer eintippt. Der Kunde wartet geduldig und bedankt sich für Wicherts Hilfe. Doch so verständnisvoll sind nicht alle Kunden. Wichert nennt sie „Schnäppchenjäger“. Einige von diesen reagieren genervt, wenn ihnen nicht sofort geholfen wird. Andere wollen bei Wichert noch mehr Rabatte auf die stark reduzierten Waren heraushandeln. Darüber kann die 57-Jährige nur den Kopf schütteln. Seit 19 Jahren arbeitet sie bei Max Bahr, doch so etwas habe sie noch nicht erlebt. „Es gibt viele, denen ist billig immer noch zu teuer.“

„Unsere“ Kunden, wie Wichert die einstigen Stammkunden bezeichnet, hätten sich zu dem Zeitpunkt schon mit kleinen Geschenken von den Bahr-Mitarbeitern verabschiedet. „Die wollten sich nicht an der Rabattschlacht beteiligen.“ Vor zwei Wochen sei es besonders schlimm gewesen: „Da beleidigten und bepöbelten uns Kunden, einer warf sogar mit Sachen nach uns.“ Kein einziger habe sich jedoch nach dem Wohlergehen der Mitarbeiter erkundigt.

Wichert und ihren Kollegen fällt es schwer, in solchen Situationen die Fassung zu wahren. „Ich setze jeden Tag aufs Neue eine Maske auf, um auch noch so unfreundlichen Kunden freundlich gegenüber aufzutreten“, sagt Zerlang, die in der Elektro-Abteilung Kunden berät. Ihr Zigarettenkonsum habe seit Jahresbeginn deutlich zugenommen. „Bis dahin reichte eine Schachtel für drei Tage, nun rauche ich täglich anderthalb Schachteln und nasche deutlich mehr.“

Letzteres trifft auch auf Heidemarie Wichert zu. Zielsicher greift sie in eine Tüte unter dem Info-Tresen und nimmt sich ein paar Schoko-Waffeleier. „Seit Wochen esse ich auf der Arbeit so viel Süßigkeiten wie nie zuvor. Zu Hause nasche ich gar nicht.“ Zuletzt habe sie nach Feierabend Baldrian-Tropfen genommen, um abschalten zu können. Eine andere Mitarbeiterin, die sich selbst als Frohnatur beschreibt, sei beinahe in eine ernsthafte Depression abgedriftet. Eine Krankschreibung kommt für sie und Wichert aber nicht infrage. „Wir stehen das zusammen durch.“

Dies ist mehr als eine Floskel: Sobald sie eine freie Minute haben, flachsen Wichert und Zerlang mit ihren Kollegen herum. Kein einziger jammert über den Jobverlust. Die Nachricht, dass der Möbel-Discounter Poco den Bahr-Markt übernehme, löst bei den Baumarkt-Mitarbeitern keinen Jubel aus. „Die Erfahrung hat uns gelehrt, nichts auf Wasserstandsmeldungen zu geben“, sagt eine Mitarbeiterin nüchtern. Einige haben zwar schon eine neue Stelle in Aussicht, die übrigen gehen in eine Transfergesellschaft. „Ich bin gespannt, was uns da erwartet, meine Erwartungen sind nicht sehr hoch“, sagt Claudia Demir.

„Viel bedauerlicher ist, die Kollegen nicht mehr täglich zu sehen“, sagt Wichert. Zu denen gehört auch Sandra Gyarmaty. Sie hat am Sonnabend frei, dennoch besucht sie ihre Kollegen im Markt. „Wir sind eine richtige Familie geworden.“ Die 43-Jährige hat Süßigkeiten für ihre Kollegen mitgebracht. „Ich hasse Schokolade“, sagt Beate Zerlang dazu – und nimmt sie sich einen Schoko-Riegel.

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