Marx und Engels in Flensburg

Schmehl
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Vor 80 Jahren: Wilhelm Schmehl bringt brisanten Nachlass über die deutsch-dänische Grenze in Sicherheit

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30. Juli 2013, 03:59 Uhr

Harrislee | Von Beruf war er Former und als Werkmeister in der Kupfermühle und Flensburger Maschinenfabriken beschäftigt, in seinem zweiten Leben ein wahrer Held: Wilhelm Schmehl aus Harrislee schleuste in der Zeit der Nazi-Diktatur in Deutschland Hunderte von Flüchtlingen gen Norden und bewahrte sie vor dem Zugriff der NS-Häscher.

Er gehörte zum Kreis sozialdemokratischer Fluchthelfer und wurde im Juli 1933, also vor nunmehr 80 Jahren, mit einer besonderen Mission betraut. Er sollte Teile des historisch kostbaren Marx-Engels-Nachlasses aus dem Berliner SPD-Archiv über die deutsch-dänische Grenze schaffen und in Sicherheit bringen. Denn nach den von den Nationalsozialisten inszenierten Bücherverbrennungen im Mai und dem Verbot der Partei im Juni war die Sorge der Sozialdemokraten gewachsen, auch bedeutsame Archivalien könnten dem Vernichtungswahn der braunen Herrscher zum Opfer fallen. Im Mittelpunkt der Rettungsbemühungen stand der Marx-Engels-Nachlass, nach Meinung von Experten "die größte Kostbarkeit, über die das Parteiarchiv verfügte".

Zunächst wurden die Dokumente in mehreren Paketen im Laden eines Tapezierers in Berlin untergebracht - dort, wo sie niemand vermutet hätte. Sachgerechter verwahrt sahen die Initiatoren die Papiere aber im Depot eines Antiquars inmitten zahlreicher anderer Autografen. Doch als der Sohn davon erfuhr, schlug er Alarm: "Das bringt meinen Vater in höchste Gefahr. Vergiss nicht, er ist Jude. Die Sachen müssen schnellstens aus dem Hause."

Kontakte zu Parteifreunden in Dänemark brachten die Lösung: Der Nachlass muss nach Kopenhagen! Den Transport der Materialien und die Übergabe jenseits der Grenze musste die deutsche Seite sicherstellen. Diese nicht ungefährliche Aktion lief in mehreren Etappen ab und dauerte einige Wochen. Eine Station war Kiel. Die dortigen Sozialdemokraten beförderten die Pakete weiter nach Flensburg. Ein Teil der Sendung wurde mit Schiffen über die Förde gebracht und von dänischen Sozialdemokraten für den Weitertransport nach Kopenhagen in Empfang genommen. Den Löwenanteil der Papierbündel aber schleppte Wilhelm Schmehl durchs Moor über die Grenze nach Pattburg. "Wenn sie dich mit den Schriften erwischen, geht dein Kopf runter", soll man ihm zu bedenken gegeben haben. Doch er winkte ab und ging, wie er noch viele Male auf Schleichpfaden über die Grenze ging, um gefährdeten Menschen den Weg ins rettende Dänemark zu weisen. In Kopenhagen wurden die Manuskripte und Dokumente in einem Safe der dänischen Arbeiterbank deponiert.

1938 überließ die Exil-SPD den geretteten Nachlass dem Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte. Bevor Holland von deutschen Truppen überfallen und besetzt wurde, hatte das Institut die Papiere nach England gebracht. 1946 gelangten sie wieder nach Amsterdam zurück, wo sie sich heute noch befinden und der Wissenschaft zur Verfügung stehen.

Fluchthelfer Wilhelm Schmehl war zunehmend in das Visier der Gestapo geraten. "Vorbereitung zum Hochverrat", lautete der Vorwurf. Er wurde zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. 1940 und 1941 saß er in strenger Einzelhaft in Gefängnissen in Flensburg, Kiel und Neumünster.

Nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus, der Tod und Verderben über ganz Europa gebracht hatte, engagierte sich Schmehl beim Aufbau eines neuen, eines demokratischen Deutschland - zunächst als Gemeindevertreter von Harrislee, seit 1948 als Bürgermeister der Gemeinde, zudem als Kreistagsmitglied und Abgeordneter des Landtages in Kiel. 1962 starb er im Alter von 70 Jahren.

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