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Konzert in der Musikschule : Martin Tingvall malt musikalische Landschaftsbilder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jazz-Musik und Geschichten: Der schwedische Pianist bezaubert sein Flensburger Publikum.

Ein Mann, ein Flügel, ein Meer an Klangfarben. Schon als Martin Tingvall zu den ersten Tönen ansetzt, malt er eindringliche imaginäre Landschaftsbilder in den Emmi-Leisner-Saal der Musikschule. Momente des Innehaltens hat Lothar Baur (Verein 8001) in seiner Anmoderation den 100 Zuhörern gewünscht, und das Publikum lauscht den Klängen des schwedischen Pianisten in fast andächtiger Stille – oft mit geschlossenen Augen.

Tingvall wurde einem breiteren Kreis anspruchsvoller Musikliebhaber durch seine wunderbare erste Solo-Einspielung „En Ny Dag“ bekannt, nun hat er überwiegend Stücke seines neuen Albums „Distance“ im Gepäck. Sie tragen programmatische Titel wie das eingangs gespielte „The Stream“, „Quiet Days“, „The Journey“ oder „Open Land“. Lyrisch angehauchte musikalische Perlen, die er auf einer Reise durch die Zauberwelt Islands aufgelesen hat. Oder aber „Utan ström i Harare“ (Ohne Strom in Harare), für das ein skurriler Auftritt verantwortlich ist: Zunächst wurde der Standbass zum Konzert seines Trios, das bereits zweimal den Echo Jazz Award abgeräumt hat, mit gebrochenem Hals geliefert; als der E-Bass als Ersatz herhalten musste, fiel der Strom aus und es wurde dunkel im Saal: basslos, stromlos, lichtlos. „Die Zuhörer“, erzählt Tingvall, „schalteten ihre Handys ein, damit wir wenigstens das Nötigste sehen konnten.“

Der sympathische 41-Jährige lässt sich zwischen den einzelnen Songs viel Zeit, um deren Hintergrund und Entstehung zu kommentieren. Allein das, sagt er am Rande des Konzerts, zeige, dass er kein reiner Jazz-Musiker sei. Die nämlich würden die Kommunikation mit dem Publikum auf ein Mindestmaß beschränken. Er fühle sich ebenso inspiriert durch Singer/Songwriter, Blues oder Klassik. So hat der seit 16 Jahren in Hamburg lebende Schwede etwa Songs für Udo Lindenberg geschrieben sowie jede Menge Filmmusik.

Tingvalls Spiel besticht durch eine brillante Anschlagtechnik und schier grenzenlose Möglichkeiten der Improvisation. „Ich liebe das Sanfte, aber gleichzeitig die durchdringende Klarheit seines Spiels“, schwärmt eine Zuhörerin. Lyrische Passagen wechseln sich ab mit jazzigen Phrasierungen; besonders im zweiten Set erleben die Gäste eruptive Entladungen - Donnerschläge, die den Herzschlag der versunken lauschenden Hörer urplötzlich beschleunigen.

Doch mit dem bewegenden „Requiem“ für einen plötzlich verstorbenen Freund kehrt wieder Stille ein. Bei der letzten Zugabe „Last Summer“ wird es dem beseelten Publikum warm ums Herz - mitten in diesem milden Winter.

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erstellt am 10.Dez.2015 | 11:36 Uhr

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