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Dänische Bibliothek Flensburg : „Man wird ein anderer, als man war“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Podiumsdiskussion zum Thema „Medien und Minderheiten“ im Rahmen des Projektes „m3“ in der Dänischen Zentralbibliothek

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 16:39 Uhr

In Flensburg sind wie selbstverständlich immer zwei Kulturen und zwei Sprachen präsent – das Deutsche und das Dänische. „Genau das ist gelebte Vielfalt“, findet Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar und leitet so am Sonnabendabend die Podiumsdiskussion zum Thema „Medien und Minderheiten“ im Rahmen des Projektes „m3“ in der Dänischen Zentralbibliothek ein.

Bekanntlich mache diese außergewöhnliche Situation natürlich auch nicht Halt vor den Medien unserer Stadt. Als sehr bereichernd empfinde sie das, so Krätzschmar, denn: „Interesse an einem anderen kulturellen Hintergrund ist immer spannend. Und das erlebt man hier ganz einfach im Alltag.“

Jørgen Møllekær, Chefredakteur von Flensborg Avis, stimmt ihr darin zu: „Es ist auf jeden Fall anders als in der dänischen Monokultur zu leben. Im Grenzland liest man die Nachrichten beider Seiten – das schafft auch andere Ansichten.“

Für Hedwig Wagner, Professorin für Europäische Medienwissenschaft an der Europa-Universität, ist es am spannendsten zu beobachten, wie Medien Minderheiten darstellen und was sie für diese leisten können. „Gerade auch das Internet eignet sich dazu, Identität zu bilden und Gemeinschaft zu stiften“, sagt sie. Diese Möglichkeit der Vernetzung sei ein sehr wichtiger Aspekt. Und auch im Internet könne man Qualitätsjournalismus konsumieren: „Es ist nicht das Medium, das die Standards vorgibt“, findet Hedwig Wagner.

Doch natürlich gebe es bei der Entwicklung hin zu den digitalen Medien auch negative Auswirkungen. Hass-Posts und Filterblasen sind Beispiele hierfür. „Und es gibt die Tendenz, dass eine sehr wichtige Funktion der klassischen Medien verlorengeht: Nachrichten von anderen zu bekommen“, so Wagner. Oftmals bekomme man nur Bestätigung von Leuten, die im selben Milieu unterwegs sind wie man selbst, und werde dann in den eigenen Ansichten nur bestärkt.

Møllekær meint, auch er überlege manchmal, ob seine Zeitung nicht vielleicht doch zu viel aus der dänischen Minderheitswelt berichte und zu wenig über die deutsche Mehrheit. „Unsere Aufgabe ist es ganz klar, die Debattenkultur wieder aufzubauen.“ Genauso sieht es der Chefredakteur des sh:z-Verlages, Stefan Kläsener: „So lange wir noch bezahlt werden, werden wir die Fenster öffnen und sagen: Schaut raus! Der gepflegte Diskurs ist dabei entscheidend.“ Denn in erster Linie gehe es um Wertschätzung. „Es gibt eine Sehnsucht nach Identität. Die Menschen wollen auf Augenhöhe betrachtet werden.“ Und gerade in einem solchen Kulturraum wie dem deutsch-dänischen Grenzgebiet ist der Zugang zu den Themen schon historisch unterschiedlich geprägt.

Gleiches gelte auch für die friesische Minderheit und die „Friisk Foriining“, deren zweite Vorsitzende Ilse Johanna Christiansen am Abend teilnahm und sich rege am Gespräch beteiligte. „Die Sensibilitäten sind größer, als man es sich vielleicht zunächst vorstellen kann“, so Kläsener. Für Minderheiten und ihre Medien sei aber eine natürliche Akzeptanz, wie man sie hier in Flensburg erlebe, nicht überall selbstverständlich, gibt die Stadtpräsidentin zu denken.

„Die Mediennutzung der Minderheiten kann aber auch hybridisieren“, so Hedwig Wagner. „Die interkulturellen Fähigkeiten der Gesellschaft wachsen. So wird man dann auch ein bisschen ein anderer, als man vorher war.“ Dies sei eine schöne Vorstellung, schließt Kläsener.

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