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100 und fit : „Man müsste generalüberholt werden“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hildegard Moege feiert heute 100. Geburtstag mit ihrer Familie, hat ein gutes Gedächtnis, viel Humor und noch mehr zu erzählen

shz.de von
erstellt am 18.Jan.2014 | 10:37 Uhr

Eine Hundertjährige? Nein, so jemand wohne hier nicht, versichern die Nachbarn in Harrislee. Das kann nur ein Kompliment bedeuten für Hildegard Moege. Die hundert Jahre sieht und merkt man der humorvollen Dame nicht an. Seit 22 Jahren wohnt sie in Harrislee, gemütlich in einem mehrstöckigen Mietshaus, natürlich ganz oben. „Die Treppen machen mir nichts aus“, winkt sie ab, „man muss nur wollen.“ Hildegard Moege will. Freitags zum Beispiel geht sie zum Markt in Harrislee und kauft frisches Gemüse und Obst. Dort könne sie auch kleinere Mengen bekommen, schließlich kocht sie nur für sich allein. Hildegard Moege rutscht ein „leider“ heraus, sicher mit Blick auf den Verlust ihres Mannes vor zwölf Jahren.

Dass sie überhaupt selbstständig leben kann, betrachtet die freundliche Frau andererseits als Glück. „Was nützt es, wenn ich hundert Jahre bin und auf jemanden warten muss, der sich um mich kümmert?“ Was sie all die Jahre so fit gehalten hat, ist der Dame selbst ein Rätsel. Sie zuckt die Schultern und klingt fast verzweifelt: „Ich weiß es nicht!“ Wenn es etwas gebe, das zu ihrer Gesundheit im hohen Alter beitrage, dann stecken sicher die Äpfel dahinter. Allerdings räumt sie ein, dass Hören und Sehen nachlassen. „Generalüberholt müsste man mal werden“, wünscht sie sich verschmitzt.

Ihr Humor ist umwerfend. Und ihr Gedächtnis ist erstaunlich. Hildegard Moege muss nicht lange darin kramen, zögert nicht, erinnert sich genau. Sie ist in einem Dorf im Sudetenland zur Welt gekommen, das damals zu Österreich-Ungarn gehört, erzählt sie. In Reichenberg habe sie nach der Schule eine Ausbildung zur Friseurin gemacht. Die Zeiten seien schlecht gewesen, sagt sie, „es gab Arbeitslosigkeit“. Sie hatte Glück und eine Stelle in Breslau bekommen. „Wie kannst Du ins Preußische gehen?“, fragten ihre Schulfreunde. Das war 1936. Drei Jahre später brach Krieg aus. „Ich weiß es genau“, sagt Hildegard Moege, „es war der 1. September.“ Sie hat noch die Worte ihres Freundes im Ohr, der Soldat gewesen sei und Breslauer: „Es geht morgen los.“ Während des Krieges habe sie weiterhin gearbeitet. Sie und ihr Mann heirateten 1941, der erste Sohn kam ein Jahr später zur Welt. Sie sei zwischen Breslau und ihrer Heimat gependelt. Sie gerät ins Schwärmen über das schöne Breslau, das erst zum Kriegsende hin in Schutt und Asche gelegt wurde. „Ein Jammer“, klagt sie.

„Wir hatten kein Zuhause mehr.“ Als der Krieg zu Ende ging, es keine Kampfhandlungen mehr gegeben habe, habe es geheißen: „Die Russen kommen“, berichtet Moege. Wo ihr Mann war, wusste sie nicht, sie selbst, ihr Sohn und die Schwester lebten wieder mit den Eltern. „Doch es dauerte nicht lange, da waren die Tschechen die Machthaber.“ Mitten in der Nacht musste die Familie ihr Haus verlassen. Sie hatte zehn Minuten, um Nötigstes zusammenzupacken. „Raus, raus!“, habe es geheißen. Von einer Sammelstelle wurden auch andere Dorfbewohner bis zur Grenze gebracht und dort in die „Freiheit“ entlassen. „Es kamen immer mehr“, erinnert sich Moege, „wir haben in Scheunen gewohnt, überall.“ Bei einem Bürgermeister in der Lausitz sprach sie vor, doch auch der war überfordert, erzählt Moege und lässt keinen Zweifel, dass sie „mal energisch war“. Die Familie zog von Ort zu Ort: „Wir hatten nichts.“ In Bernburg an der Saale hatte sie die Rastlosigkeit satt. „Ich bin eine Vertriebene, kein Flüchtling“, betont sie. Moege suchte sich „Arbeit so schnell wie möglich“ und nahm Kontakt zu entfernten Verwandten ihres noch immer verschollenen Mannes in Zittau auf. Tatsächlich meldete er sich. Er war in Gefangenschaft geraten und stieß aus Holstein zur Familie wieder hinzu. „Inzwischen kam noch ein Sohn, zehn Jahre nach dem ersten“, erzählt Moege und scherzt: „Und nun ist das Märchen zu Ende.“

Tatsächlich meisterte die Familie den neuerlichen Neuanfang: Ihrem Mann gelang es, sich als Schneider selbstständig zu machen, die Jungen studierten. „Wir haben nicht schlecht gelebt“, blickt Moege auf ihr Leben in der DDR zurück. Einer der Söhne habe sie dann nach der Wende nach Norddeutschland gelotst. Die Jubilarin wischt die Vergangenheit fort und betont: „Man lebt jetzt!“ Sie nimmt sich jeden Tag etwas vor, liest Zeitung, sieht fern, strickt, löst Kreuzworträtsel, hat ihre Familie in der Nähe. All dies dürfe schon gern sein, „sonst lohnt es sich nicht, hundert Jahre alt zu werden“, sagt sie keck.

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