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Frauenhaus in Flensburg : „Männer, die häusliche Gewalt ausüben, sind Feiglinge“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit 40 Jahren gibt das Flensburger Frauenhaus eine Heimat auf Zeit und neues Selbstvertrauen

Der Mann verprügelt seine Ehefrau. Wenn die Zwillinge schon schlafen, weckt er sie, damit sie sich das ansehen. Christa Kolhorst erinnert sich an die Frau, die mehrmals Zuflucht im Frauenhaus suchte. Mit ihrem Verständnis sei es vorbei, „wenn Menschen entwürdigt werden“, erklärt Kolhorst, und erst recht Kinder. Sie gehört zu den Gründern des Flensburger Frauenhauses. Sie erinnert, dass die erste Mitgliederversammlung des tragenden Vereins („Hilfe für Frauen in Not“) am 7. Juli 1977 stattfand. Die Rendsburger waren die ersten im Land und gründeten sich schon im Februar 1977.

Die Flensburger Keimzelle liegt in einer Fünf-Zimmer-Wohnung in der Neustadt, und auch bis hier war es ein langer Weg, erinnert sich Kolhorst. Im Nachgang des Internationalen Jahres der Frau 1975 fand im Jahr darauf eine Tagung in Sankelmark statt. Bei dieser Gelegenheit lernten viele Zuhörer erst die Problematik kennen. Kolhorst, Jahrgang 1934, erzählt, dass sich 15 engagierte Frauen danach fragten, wie es in Flensburg sei, und sich die Frage stellten: „Wagen wir das, hier ein Frauenhaus aufzubauen?“ Acht Monate später gründeten sie den Verein. Hilfebedürftige Frauen kamen zunächst privat unter. Von 1300 D-Mark aus einer Spendensammlung wurde die Miete der ersten Wohnung bezahlt, berichtet Gründungsmitglied Kolhorst, die bis 1981 dem Verein vorsaß.

„Wir hatten ja im Grunde keine Ahnung“, räumt sie ein. Doch sie und ihre Mitstreiterinnen wussten um die Härte der Aufgabe. „Wir können Ihnen keinen Mut machen, den brauchen Sie aber“, soll die Polizei das ambitionierte Ansinnen seinerzeit kommentiert haben. Mut hatten die Pionierinnen. „Wir haben’s gemacht – und bestehen noch heute“, triumphiert Christa Kolhorst, die unter anderem für ihren Beitrag „zur Anerkennung des Frauenhauses“ ausgezeichnet wurde.

Eine „Zwangs-WG“ nennt Suse Steinhoff die Gemeinschaft, für die nach und nach Fachkräfte beschäftigt wurden. Im Haus machen die Frauen alles selbst – so kocht jede einmal in der Woche abwechselnd für die anderen. Steinhoff, die fast seit 31 Jahren eine der drei Mitarbeiterinnen des Frauenhauses ist, spricht von 4729 Frauen, die mit ihren Kindern in Flensburg aufgenommen wurden, seit die Statistik mitzählt.

Derzeit leben zehn Frauen mit zwölf Kindern im Gebäude, dessen Adresse zwar kein Geheimnis ist, aber auch nicht an die große Glocke gehängt wird. Normalerweise: Als es am 23. März 1980 im Norden der Stadt bezogen wurde, zeigte das Tageblatt ein Foto des Frauenhauses  .  .  . Vorausgegangen war eine Kontroverse, erinnert sich Christa Kolhorst, um einen Senioren-Mittagstisch, der zuvor in dem Haus eine Heimat hatte. In der öffentlichen Meinung habe sich seither viel geändert, beobachtet sie. „Der größte Unterschied zur Anfangszeit ist, dass das heute eine anerkannte gesellschaftliche Aufgabe ist“, sagt die Mitinitiatorin, während das Thema damals „unter den Teppich gekehrt wurde“.

In der Art der Finanzierung erkennt Steinhoff die „Anerkennung des Politikums, dass häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem“ sei. Finanziert werden die Frauenhäuser (14 autonome gibt es in Schleswig-Holstein) über den kommunalen Finanzausgleich, seit einem Jahr sogar werden die 22 Flensburger Plätze (drei davon für die angekoppelte Beratungsstelle Wilma) über einen Festbetrag bezahlt. Damit müsse zwar nicht jedes Jahr um die Existenz des Frauenhauses gekämpft werden, sagt Steinhoff, dennoch arbeiteten die Mitarbeiterinnen am Limit.

Sie stellt als eine große Veränderung im neuen Jahrtausend das Instrument der polizeilichen Wegweisung (gesprochen mit kurzem „e“) heraus. Und damit die Möglichkeit, den gewalttätigen Mann bis zu zwei Wochen der Wohnung zu verweisen und ihm den Haustürschlüssel zu entziehen. „Männer, die häusliche Gewalt ausüben, sind Feiglinge“, sagt Suse Steinhoff an anderer Stelle und unterstreicht, dass die Frauen die Mutigen sind, die neu beginnen. Im Frauenhaus bleiben sie üblicherweise zwei bis drei Monate, und finden auch dank der guten Zusammenarbeit mit Wohnungsbaugesellschaften schnell eine Bleibe. Der SBV hat anlässlich des Jubiläums eine Verschönerungskur am Gebäude (Haustür, Holzfenster, Bäder) vorgesehen. Und den 40. Geburtstag feiern Ehemalige und Mitarbeiterinnen auf einer Dampferfahrt.

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erstellt am 05.Jul.2017 | 11:09 Uhr

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