zur Navigation springen

Flensburg : Lippenstift im Einkaufswagen: Rentner-Paar wehrt sich gegen Diebstahls-Vorwurf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie sind über 70 Jahre alt – nun müssen sich Hannelore und Georg Hockerup erstmals gegen den Vorwurf des Diebstahls zur Wehr setzen.

shz.de von
erstellt am 05.Jan.2016 | 18:24 Uhr

Flensburg | Unbescholten, hilfsbereit, von Grund auf ehrlich. So schätzen sich Hannelore und Georg Hockerup ein – und alle ihre Freunde und Bekannten ebenso. Doch das neue Jahr begann für das Ehepaar aus Flensburg wenig verheißungsvoll. Die beiden Rentner wurden nach einem Einkauf im Sky-Markt an der Marienallee als vermeintliche Ladendiebe identifiziert. Die Folge: 100 Euro Geldbuße, Hausverbot. Das Corpus Delicti: Ein dunkelroter Lippenstift im Wert von 5,30 Euro.

Sonnabend, 2. Januar, 10.30 Uhr. Hannelore und Georg Hockerup haben ihren Wochenendeinkauf nach den Feiertagen beendet. Der ehemalige Speditionskaufmann legt die Ware auf das Laufband an der Kasse – Wert etwa 40 Euro. Sie bezahlen. Alles läuft wie gewöhnlich. Doch als der 78-Jährige die gekauften Lebensmittel in den beiden mitgebrachten Stoffbeuteln verstauen will, entdeckt er im Einkaufswagen einen Lippenstift, den seine Frau nach einer Beratung durch eine Angestellte des Supermarkts dort hineingelegt hat. Dann nehmen die Dinge ihren Lauf.

Eine Mitarbeiterin geht auf sie zu und bezichtigt das Ehepaar, das seit zehn Jahren zur Stammkundschaft zählt, des Diebstahls. Tatsächlich taucht der Lippenstift auf dem Kassenbon nicht auf. „Ich gab sofort zu, dass uns das passiert ist – aber versehentlich“, sagt Georg Hockerup. Er bietet an, die versäumte Zahlung sofort nachzuholen. Doch die Mitarbeiterin habe das kategorisch abgelehnt und nicht weiter mit sich reden lassen. „Es sah so aus, als hätten drei junge Mitarbeiter zudem den Ausgang gesichert.“ Will man den betagten Kunden den Fluchtweg versperren?

„Wir kamen uns vor wie Betrüger und man sah uns an, als wären wir Verbrecher“, sagt Hannelore Hockerup. „Und das in aller Öffentlichkeit.“ Das Ehepaar fühlt sich vorgeführt, an den Pranger gestellt – coram publico.

Es folgt der Gang zum Marktleiter. Dort werden die Sanktionen ausgesprochen, die Personalien notiert. Strafanzeige, Hausverbot für fünf Jahre. Die Hockerups verstehen die Welt nicht mehr. „Wir haben noch niemals gegen das Gesetz verstoßen“, sagen sie. Georg Hockerup erwähnt in diesem Zusammenhang einen Vorfall: Vor einem Jahr habe er 100 Euro im Ausgabeschlitz eines Geldautomaten gefunden – und ihn sofort an die Bank zurückgegeben. „Der Besitzer hat sich herzlich bedankt – mit den Worten, nur noch wenige Menschen seien heutzutage so ehrlich.“

Das Geschehen lässt die entrüsteten Rentner bis heute nicht los. Sie haben schlaflose Nächte, müssen Beruhigungsmittel nehmen. Noch am gleichen Tag verfassen sie einen Brief an die Coop-Zentrale in Kiel. Man gehe davon aus, dass die erfolgte Maßnahme übertrieben und nicht gerechtfertigt sei, heißt es darin. Katharina Rehm, Sprecherin des Unternehmens, sagte gestern auf Tageblatt-Nachfrage: „Derzeit steht Aussage gegen Aussage.“ Der Marktleiter habe sich den Vorgaben entsprechend verhalten – „egal ob der Artikel aus Versehen oder absichtlich nicht bezahlt worden ist“. Man wolle den Vorgang weiter intern und professionell prüfen. Ein Ergebnis gibt es schon: „Auf eine Anzeige werden wir verzichten.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert