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Museumswerft in Flensburg : „Lille Björn“, ein Schiff mit dunkler Vergangenheit

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Brigantine „Lille Björn“ wird den Flensburger Museumshafen verlassen. In Hessen wartet ein Job an Land.

Als sie kam, hatte der Eigner noch hoch fliegende Träume: Die Brigantine „Lille Björn“ sollte ein großes Projekt am Flensburger Museumshafen werden. Kunst, Kultur, Rettet die Wale und so. Das war im März 2012. Seit September 2014 wird der Zweimaster abgeriggt und ausgeräumt. Nicht nur die Bordratten des mangels Geld und Pflege in den freien Verfall abgestürzten Schiffs haben „Lille Björn“ verlassen: Alles von Gewicht wurde in den vergangenen drei Monaten abgeräumt. Und das hat mit der Zukunft des traurigen Wracks zu tun. Ja, genau. Mit der Zukunft.

Im 61. Jahr nach dem Stapellauf im dänischen Gilleleje soll „Lille Björn“ noch einmal auf eine größere Reise gehen. Die Museumswerft um Geschäftsführer Uwe Kutzner bereitet das Schiff für einen Kunden auf einen Schlepptransport tief ins deutsche Binnenland vor. Dort wartet eine neue Aufgabe – nur welche will Kutzner noch nicht verraten. Das soll dem neuen Eigner aus Hessen vorbehalten bleiben – und der hat das große Klarschiff zwar angeordnet und bezahlt, den Kaufvertrag aber noch nicht unterschrieben.

In den vergangenen drei Monaten wurde das ursprünglich als Motorsegler konzipierte Frachtschiff geleichtert, um problemlos durch Flüsse und Kanäle geschleppt zu werden. Auf dem Gelände der Museumswerft türmen sich im Moment Schrott und Ausrüstung: Masten, Motor, Hilfsaggregate, Ballastbeton, Isolation, Tanks, Wandverkleidungen, 240 Meter Ankerkette, Müll – über 13 Kubikmeter, so Kutzner, wurden bislang aus dem 28 Meter langen Rumpf an Land geschafft. „Wir sollen das Schiff fettfrei übergeben “, sagt der Geschäftsführer der Museumswerft. Aktuell wird „Lille Björn“ von einer Spezialfirma von innen gespült, danach werden noch die letzten Aufbauten fallen, dann sollte sie bereit für die letzte große Fahrt sein.

Kutzner betreibt die Teilverschrottung in Absprache mit dem Besitzer, dem „Lille Björn“ in den vergangenen zweieinhalb Jahren eine Menge finanzielle Probleme beschert hat. 1998 war sie anscheinend noch in besserem Zustand – in den Büchern der dänischen Tvind-Schule wurde sie damals jedenfalls noch mit rund 500 000 Euro geführt. Der Verkauf vom dänischen Gravenstein nach Flensburg erfolgte indessen für einen symbolischen Euro.

Sie ist ein Schiff mit bewegter Geschichte. Laut Gert Büker, Archivar des Museumshafens, war die 1953 gebaute „Lille Björn“ zunächst als Motorsegler in der Frachtfahrt zwischen Dänemark, Schweden und Norwegen unterwegs, wurde 1976 in Großbritannien in eine Brigantine umgebaut, die fortan mit zahlenden Gästen in der Karibik ihr Geld verdiente. 1981 wurde sie Schulschiff für Tvind und war für pädagogische Projekte in Fahrt. Eine dieser Projektfahrten hätte durchaus ein Fall für die Mordkommission werden können. Büker stieß in Archiven auf den beklemmenden Bericht eines Pädagogen über eine Reise von Panama zu den Galapagos-Inseln. Ein lange unter Verschluss gehaltenes Dokument über einen Albtraum auf See: Mit Maschinenschaden und einer aggressiven und völlig außer Kontrolle geratenen Gruppe von Jugendlichen trieb „Lille Björn“ zwei Wochen lang manövrierunfähig im Pazifik. Am Ende war nicht einmal mehr Strom an Bord, niemand konnte um Hilfe rufen, als die Jugendlichen mit der Feueraxt den Masten zu Leibe rückten, das Schiff in Brand zu setzen versuchten. 1994 entkam sie mit Glück dem Untergang, als sie mit zwölf Schülern und acht Lehrern an Bord in einem Gewittersturm in der Nordsee in Seenot geriet. Das alles hat „Lille Björn“ überstanden – und jetzt wartet möglicherweise ein Landkommando in Hessen. Kutzner weiß auch nicht so recht, ob er lachen soll oder weinen. Gut möglich, „dass der eine oder andere „Lille Björn“ vermissen wird“, sagt er. „Das weiß man erfahrungsgemäß immer erst, wenn etwas definitiv weg ist.“

 

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erstellt am 20.11.2014 | 17:00 Uhr

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