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Flensburger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 11:41 Uhr

Suizidgefahr : Lichtblicke in Lebenskrisen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aktion Mensch unterstützt den Verein mit 130.000 Euro – binnen drei Jahren werden 60 Krisenbegleiter ausgebildet, das nächste Mal im Herbst

Keine Stunde vergeht, da nimmt sich jemand in Deutschland das Leben, alle fünf Minuten versucht es jemand. In Flensburg sei die Quote beinahe doppelt so hoch, wissen die Fachleute des Vereins Lichtblick. Dieser kümmert sich seit dem Jahr 2000 um suizidgefährdete Menschen, hilft etwa mittels Gesprächen, ihre Lebenskrisen zu überwinden und ergänzt damit die Angebote des psychosozialen Netzwerks der Stadt. Jetzt bekommt der Verein selbst starke Unterstützung, und zwar drei Jahre lang von der Aktion Mensch in Höhe von 130 000 Euro. Das ermöglicht Lichtblick, der überwiegend dank Ehrenamtlicher funktioniert, erstmals drei Hauptamtliche zu beschäftigen. Einer davon ist Projektleiter Soeren Hauke.

Der 32-jährige Diplom-Pädagoge erläutert, dass eine Vorgabe von Aktion Mensch sei, binnen der Laufzeit 60 Krisenbegleiter auszubilden. Die ersten 14 haben soeben ihre Zertifikate erhalten – nach drei Monaten der Vermittlung von Grundlagen der psychischen Erkrankungen, Gesprächsführung, aber auch Einheiten zu den eigenen Grenzen. Anders als andere Vereine muss sich Lichtblick nicht um Nachwuchs sorgen. Hauke spricht von 25 ernsthaften Bewerbungen – auf 15 Plätze im Kurs. Als Gründe für das Interesse gibt er unter anderem die Qualität der Dozenten an. Motivation und Stabilität der Bewerber lenkten wiederum die Auswahl der Teilnehmer. „Unsere Ehrenamtlichen können nur gut arbeiten, wenn es ihnen selbst gut geht“, erklärt Soeren Hauke. Im ersten Drittel des Jahres hat Lichtblick bereits 57 Menschen betreut. Als Vorteil hebt der Projektleiter die niedrige Schwelle dieses Angebots hervor. Das heißt, ein Klient kann jederzeit per Email, Telefon oder persönlich um Hilfe bitten – unbürokratisch, kostenlos. Der erste Kontakt zu einem Klienten in einer Krise verläuft über einen der Hauptamtlichen; nach einem Gespräch zu dritt übernehmen auf Wunsch die Krisenbegleiter.

„Jeder, der Hilfe möchte, kann hierherkommen“, sagt Carmen Aye. Die 51-Jährige hat gerade den Kurs abgeschlossen, weil sie von der „guten Sache“ überzeugt ist und daran glaubt, dass, wenn etwas in Krisen hilft, es zwischenmenschliche Kontakte sind. Aye leitet die Ausbildungsabteilung einer mittelständischen Unternehmensgruppe und bringt neben einem fröhlichen Wesen Lebenserfahrung mit – und den Willen, ihren Klienten zuzuhören und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Simon Stadermann ist erst 25 und auf der Zielgeraden seines Studiums der Sonderpädagogik. Er will Menschen in Krisen helfen und interessiert sich insbesondere für die Präventionsprojekte an Schulen, die Lichtblick inzwischen auch schon für Viertklässler anbietet. Dass der Lemgoer vielleicht anderswo als in Flensburg ins Berufsleben einsteigt, stört weder die Ausbilder noch Stadermann. Beide Seiten halten die Kenntnisse für wichtig und übertragbar. „Es geht uns darum, die Sache zu vertreten“, betont Soeren Hauke, und die Suizidraten in Deutschland zu senken. Das Thema Suizid sei bei vielen Menschen immer noch ein Tabu, beobachtet er. In der Regel werde davon abgelenkt oder bestenfalls hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Aye und Stadermann nicken; sie sehen das ähnlich. „Es kann nichts passieren, wenn das Wort Suizid fällt“, sagt Soeren Hauke. Es bringe niemanden auf die Idee.

www.lichtblick-flensburg.de

 

 

 

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