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Bundestags-Kandidaten : Letztes Kräftemessen vor der Wahl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der sh:z präsentierte die Direktkandidaten der Parteien in der Flensburger Phänomenta

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2013 | 07:26 Uhr

Stinkefinger, kaputte Straßen, ein Linker mit Faible für die Ära Kohl – die Kandidatenrunde zur Bundestagswahl bespielte in der Phänomenta ein komplexes Spektrum aktueller Politik. Auf Einladung des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags bezogen fünf Tage vor der Bundestagswahl die Direktkandidaten von sieben Parteien vor gut 100 Gästen Position. Die Redakteure Carlo Jolly und Alf Clasen moderierten die zweistündige Veranstaltung mit Sabine Sütterlin-Waack (CDU), Dirk Peddinghaus (SPD), Marlene Löhr (Grüne), Carsten-Peter Brodersen (FDP), Heinz-Werner Jezewski (Linke), Hans-Ulrich Post (AfD) und Nadine Lindenberg (Piraten).

Steinbrücks Stinkefinger als Aufreger zum Auftakt konnte Dirk Peddinghaus nicht wirklich aus der Fassung bringen. Als Wahlkampfberater hätte er kein Problem mit dem Plakat gehabt. Auch kann er den Wirbel nicht nachvollziehen. Schließlich habe Ursula von der Leyen sich einmal gar mit zwei gestreckten Mittelfingern ablichten lassen. Der Solleruper SPD-Kandidat war sich zum Thema Verkehr in großen Teilen einig mit seiner CDU-Widersacherin aus Lürschau: Was das Land momentan an der Rader Hochbrücke und am Kanal erlebe, sei das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse kurzsichtiger Politik aller Couleur. Sütterlin-Waack bemängelt unproportionalen Geldfluss. „Wir bekommen 2,4 Prozent des Geldes, aber wir haben mehr als 2,4 Prozent der Straßenkilometer.“ Sie brachte erneut die Idee privater Finanzierungsmodelle ins Spiel, „Koalitionspartner“ Carsten-Peter Brodersen drängt zur A 20 inklusive Elbquerung und zusätzlichem Kanaltunnel für die Bahn. „Wir erleben gerade, was ein Nadelör bewirken kann.“ Die Grüne Löhr verfolgt die Maxime Erhalt vor Neubau. „Kanal unbefahrbar, Brücke kaputt. Ich hoffe, das Chaos führt zum Umdenken.“

Keine Frage, das Thema Verkehr ist eng mit dem Thema Wirtschaft verbunden. „Die Infrastruktur muss stimmen, für Unternehmen ein Riesen-Thema“, befindet Sütterlin-Waack. Sie sieht Potenzial in Landwirtschaft und Tourismus. Kollege Peddinghaus sieht noch mehr. Maritime Wirtschaft, erneuerbare Energien, ein Windkraftzentrum auf dem Flensburger Campus. „Verstehe nicht, warum die hier nicht angesiedelt werden. Die Standortpolitik muss das moderieren.“ FDP-Kandidat Brodersen bietet eine Erklärung an. „Warum als Unternehmen in den Norden gehen, wenn ich nicht weiß, wie ich dahin komme?“ Nicht nur Straße und Schiene seien sanierungsbedürftig, auch die Datenautobahnen. Breitbandkabel im ländlichen Raum? Fehlanzeige. So veröden Dörfer. Steilvorlage für Piratin Lindenberg. Wirtschaft braucht Bildung und Breitband. Sie befürchtet, die superschnellen Leitungen für große Datenpakete werden nur in Großstädten verlegt. Jezewski bemerkt von links, bislang würden die Leitungen bevorzugt von Callcentern mit Billig-Arbeitsplätzen genutzt, die Stadt und ihre Standortfaktoren brauchen bessere Vermarktung. „Dann kommen die Unternehmer, die wir wollen.“

Unternehmer, die keiner will – die vom Spitzengrünen Jürgen Trittin gescholtenen „Drogenhändler“. CDU-Frau Sütterlin-Waack stellt sich vor die heimische Landwirtschaft, daneben gleich Marlene Löhr. Trittin habe Großbetriebe gemeint und nicht den Oxbüller Bauern mit Hofladen. Koalitionskollege in spe Peddinghaus assistiert. Die landwirtschaftliche Struktur im Norden sei völlig anders als bei Trittins Adressaten. Vegetarier Jezewski findet Maisfelder unappetitlich. „Essen in Strom und in Benzin – da läuft was schief.“ Landwirt Brodersen findet das nicht. Ein Landwirt, der Mais anbaut, sei Unternehmer.

Kurz vor dem Ende dann alle noch ans Steuer. Rot-Grün verteidigt die geplanten Steuererhöhungen als sozial verträglich. „Wir gehen an die großen Vermögen, wir lassen die Unternehmen in Ruhe“, sagt Peddinghaus; Löhr sieht bei den radikaleren Plänen der Grünen nur die oberen 10 Prozent betroffen, Schwarz-Gelb will angesichts sprudelnder Steuerquellen nicht an der Schraube drehen, das würge nur die Wirtschaft ab, die AfD will ein einfaches Modell ohne Progressionsbauch und mehr steuerwirksame Arbeitsplätze, indem man die Milliarden im Lande lässt und nicht andauernd herumtransferiert. Jezewski schließlich, dem Linken, bleibt es vorbehalten, den großen Kanzler zum Vorbild zu nehmen. 53 Prozent habe der Spitzensteuersatz zur Endzeit Kohl betragen, das ist für ihn steigerungsfähig. Etwa mit einer Erbschaftssteuer in Höhe von 99 Prozent für die Milliardenvermögen. Da ist er in dieser Runde dann doch der Visionär. Es gelte, den Reichsten gerecht zu besteuern. Und er wünscht sich. „Reichtum für alle!“

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