2013 ist Schluss in Flensburg : Letzter Akt im Drama um Motorola

Der Motorola-Komplex: 27.000 Quadratmeter sind für Danfoss Silicon Power bestimmt,  im Verwaltungstrakt (vorn rechts) ist die Post-Tochter DHL  Mieter.
Der Motorola-Komplex: 27.000 Quadratmeter sind für Danfoss Silicon Power bestimmt, im Verwaltungstrakt (vorn rechts) ist die Post-Tochter DHL Mieter.

Der Motorola-Standort in Flensburg mit fast 40 Mitarbeitern wird in den nächsten Monaten aufgelöst. In Spitzenzeiten bot das Werk 3300 Menschen Arbeit.

shz.de von
07. November 2012, 02:00 Uhr

Flensburg | Nach Lage der Dinge endet - irgendwann im Frühjahr - in Flensburg sang- und klanglos eine Epoche der regionalen Industriegeschichte: Der Flensburger Mobilfunk-Standort, wo in den Fabriken an der Eckener- und später Husumer Straße einst das erste GSM- und später auch das erste UMTS-Mobiltelefon der Welt vom Band liefen, wird in wenigen Monaten schließen. Es ist der letzte Akt im Drama um die frühere Handy-Fabrik von Motorola, die in Spitzenzeiten um die Jahrtausendwende 3300 Mitarbeiter beschäftigte. "Die Geschichte von Motorola ist damit zu Ende", kommentierte am Montag Flensburgs IG-Metall-Chef Michael Schmidt gegenüber dem Flensburger Tageblatt. Dass der Standort zu teuer geworden sein könnte, wollte er nicht gelten lassen: "Am Tarifvertrag lag es jedenfalls nicht. Motorola hatte nie einen."
Im Zuge der Übernahme durch Google und der danach angekündigten Streichung von 4000 Arbeitsplätzen weltweit bei Motorola Mobility wird der traditionsreiche Mobiltelefonie-Standort an der Flensburger Förde ganz aufgegeben. Das Unternehmen wollte sich gegenüber sh:z nur allgemein äußern. Insgesamt sei ein Drittel der 90 Standorte weltweit betroffen: "Motorola steht seinen Angestellten während dieser schwierigen Zeit bei und unterstützt nach Möglichkeit bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen", erklärte Marketing-Mitarbeiterin Melanie Katschinski in Düsseldorf. Und Motorola-Europa-Sprecherin Katie Dove teilt auf Anfrage mit: "Ich fürchte, wir können keine einzelnen Büro-Schließungen kommentieren."
27 Jahre Technologiegeschichte gehen zu Ende
Dabei ist der letzte Akt im Drama um Motorola für Flensburg immer noch weit mehr als eine einfache Büroschließung. Das zuletzt noch knapp 40 Mitarbeiter große Spezialisten-Team, interner Dienstleister für alle großen Motorola-Standorte weltweit, soll nach Informationen des sh:z in der ersten Jahreshälfte 2013 komplett aufgelöst werden. Es sind die letzten hochspezialisierten Experten einer Ära - Mitarbeiter aus der weltweiten Reparaturdienstleistung von Motorola, Programm-Management, Software-Werkzeuge sowie Service zum Beispiel rund um alle Gewährleistungsfragen für die Großkunden im deutschsprachigen Raum.
Es gibt Leute, die sich auskennen in der Branche, die das Aus für die Truppe mit dem über Jahrzehnte gewachsenen Spezial-Knowhow für einen großen strategischen Fehler halten: "Diese Leute bekommen sie weltweit nirgendwo", sagt der Mann, der nicht namentlich zitiert werden möchte: "Hier ist 20 Jahre Wissen aufgebaut worden, das es nirgendwo anders gibt."
Für die Belegschaft selbst geht mit dem Schließungsbeschluss ein jährlich wiederkehrendes Ritual des Hoffens und Bangens zu Ende - mit der Gewissheit, dass 2013 in Flensburg Schluss sein wird.

Motorola-Standort Flensburg: Aufstieg und Fall
In Flensburg, wo Motorola 1986 die Funkgeräte-Herstellung der Firma Storno übernahm, waren zu besten Zeiten gut 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Land subventionierte den Handy-Hersteller seit 1994 mit 26 Millionen Euro:
1. Oktober 1998: Motorola erweitert für 200 Millionen DM seine Handy-Fertigung.
17. August 1999: Motorola will die Zahl der 2400 Beschäftigten um 800 erhöhen.
20. September 2000: Aufgrund geringerer Nachfrage drosselt das Werk seine Produktion um gut zehn Prozent.
6. Dezember 2000: Motorola kündigt an, 400 der gut 3000 Stellen zu streichen.
24. April 2001: Nach Spekulationen über eine Schließung bleibt der Standort Flensburg von Umstrukturierungen verschont.
16. September 2003: Motorola kündigt an, eine Teilproduktion mit 600 Jobs nach China zu verlegen. In Flensburg bleiben UMTS-Fertigung und Versandzentrum mit 1200 Mitarbeitern.
26. April 2007: Die UMTS-Fertigung (230 Jobs) wird nach Asien verlagert.
28. August 2007: Motorola verlagert die Logistik (650 Mitarbeiter) nach Alsdorf.
August 2008: Die letzten knapp 250 Motorolaner ziehen ins Telekom-Gebäude.

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