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Flensburger Tageblatt

13. Dezember 2017 | 16:40 Uhr

Frauenhaus : Letzte Zuflucht Flensburg-Nord

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Frauenhaus betreut seit 40 Jahren die Opfer von physischer, psychischer und sozialer Gewalt. Doch wegen knapper Plätze müssen auch Frauen abgewiesen werden.

shz.de von
erstellt am 19.Jun.2017 | 08:00 Uhr

Flensburg | Das Zimmer, das Kerstin Mützel als eines der größeren bezeichnet, ist klein. Ein Doppelstockbett spart Platz, Kleidung guckt aus dem Schrank heraus. Dafür sind das gemeinsame Wohnzimmer mit Ledersofas und Fernsehgerät geräumiger, das Kinderspielzimmer auch und erst recht der Spielplatz durch die Hintertür, wo früher mal Rasen war. In jedem Zimmer gibt es Holzfußböden. In der Küche spült eine Frau Geschirr, eine andere bereitet das Mittagessen in einer Schüssel vor. Jede ist in der Woche einmal an der Reihe, für alle zu kochen. Die Bewohnerinnen leben wie in einer WG, einer „Zwangs-WG“, aber „getragen von Solidarität“, sagt Kerstin Mützel.

Anonyme und kostenlose Beratung für betroffene Frauen und Mädchen ab 16 Jahren gibt es beim Frauennotruf in Flensburg unter 0461-90908200.

Wenn es sich vermeiden lässt, bleibt die Adresse des Hauses außen vor. In der Umgebung sei es natürlich bekannt, das bedeute zugleich „Schutz durch die Nachbarschaft“. Mützel nennt das Flensburger Frauenhaus einfach eine „etablierte Institution im Norden der Stadt“ und spricht davon mit Fug und Recht. Schließlich besteht die Einrichtung an diesem Ort seit 1978, der dazugehörige Verein feiert demnächst 40. Geburtstag.

Die Flensburgerin arbeitet seit 16 Jahren hier, ihre beiden Kolleginnen noch länger. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften hat sie unterrichtet, aber eigentlich nur, um die Zeit zu überbrücken, bis eine Stelle im Frauenhaus frei wurde. In Flensburg ist organisatorisch noch die Beratungsstelle Wilma angedockt.

„Die Arbeit macht Sinn“, findet die eloquente Mitarbeiterin nach wie vor. Das Team versuche, den Frauen wieder zu einem „gewaltfreien, eigenständigem Leben zu verhelfen.“ 19 Plätze gibt es im Frauenhaus, das eines von 14 autonomen Frauenhäusern im Land ist, drei Häuser sind in Trägerschaft. Derzeit leben zehn Frauen und ihre zwölf Kinder in dem mehrstöckigen Gebäude im Flensburger Norden, das damit mit drei Plätzen überbelegt ist.

Hintergrund sei immer eine Bedrohungssituation oder Gewalterfahrung, die nicht nur physischer, sondern auch psychischer oder sozialer Art sein könne. Letzteres zum Beispiel, wenn Frauen von ihren Männern kleingehalten werden, „wie unmündige Kleinkinder“ behandelt, ihnen Kontakt zu Familie und Freunden untersagt werde. Entweder gelange die bedrohte Frau über die Polizei, Multiplikatoren oder aus eigener Kraft ins Frauenhaus. Als nördlichstes erreichten sie auch Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet, berichtet Mützel. Platzmangel sei nur ein Grund von vielen möglichen, eine Frau abzuweisen, sagt sie. Eine akute Suchtproblematik oder akute psychische Erkrankung sowie Obdachlosigkeit seien weitere.

Seit Januar konnten in Flensburg 30 Frauen mit 13 Kindern aus diversen Gründen nicht aufgenommen werden. „Die Frauen, die hier leben, das sind mutige Frauen“, das dürfe man nicht vergessen. Denn es gehöre Mut dazu, das soziale Umfeld zu verlassen.

Unter den aktuell sieben vertretenen Nationalitäten sind die afghanische, die albanische und die syrische. Fünf Frauen sprechen weder Deutsch noch Englisch. „Wir brauchen ständig Dolmetscher“, sagt Mützel und bedauert, dass die Intimität der Gespräche bei Themen wie Gewalt oder Existenzsicherung verloren gehe. Der Anteil der Flüchtlingsfrauen ist im Vergleich zum Vorjahr wieder zurückgegangen, von bis zu 80 auf jetzt 40 Prozent. Im Schnitt sechs bis acht Wochen bleiben die Bewohnerinnen im Frauenhaus. Zum Glück, lobt die Mitarbeiterin, funktioniere der Kontakt zu lokalen Wohnungsvermittlern hervorragend, so dass Frauen in zumutbarer Zeit eine geeignete Bleibe finden für danach.

„Wir bräuchten ganz dringend personelle Entlastung“, sagt Kerstin Mützel mit Blick auf eine „legendäre“ Finanzspritze in Millionenhöhe für die Frauenhäuser und Beratungsstellen im Land. Denn von letztlich 1,4 Millionen Euro komme kein einziger Euro bei den Frauenhäusern an, sondern fließe projektgebunden und über drei Jahre in ein Wohnungsvermittlungsprojekt. Spenden seien weiterhin wichtig. Seit anderthalb Jahren, sagt Mützel, habe sie alle drei Wochen von Dienstag bis Dienstag Rufbereitschaft. Nach „Feierabend“ laufen Anrufe fürs Frauenhaus auf ihrem Mobiltelefon auf. Tag und Nacht.
 

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