70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs : Letzte Reichshauptstadt Flensburg: Kapitulations-Telex schlägt Wellen

Das Dokument zur Zeitgeschichte: Ein von der Marine-Sportschule in Mürwik versandtes Fernschreiben zur Kapitulation findet das Interesse des Bundesarchivs.
Das Dokument zur Zeitgeschichte: Ein von der Marine-Sportschule in Mürwik versandtes Fernschreiben zur Kapitulation findet das Interesse des Bundesarchivs.

Das Dokument zum Jahrestag der deutschen Kapitulation erweckt das Interesse des Bundesarchivs.

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11. Mai 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Die meisten der vergangenen 70 Jahre verbrachte das Dokument in einem dunklen Karton oder in einer dunklen Schublade. Zum Jahrestag der deutschen Kapitulation steuerte der Flensburger Joachim Müller ein Erbstück ins Gedenken: Das originale Fernschreiben, in dem der kommandierende General der Luftwaffe für Dänemark an seine Verbände die Befehle zur Teilkapitulation übermittelte. Jetzt soll dieses Dokument in einen angemessenen historischen Rahmen gestellt werden. Einen Tag nach Veröffentlichung unseres Berichts über Joachim Müller und das Souvenir seines Schwiegervaters Ewald Asmussen meldete sich das Bundesarchiv in Freiburg. Dr. Thomas Menzel, Direktor des Militärarchivs dort, meldete dringendes Interesse an.

„Das in dem Bericht erwähnte Dokument ist hochinteressant und ein wichtiges Stück Zeitgeschichte“, so Menzel gegenüber unserer Zeitung. In den Akten fehle das Flensburger Fundstück. „Schön, dass dieses Fernschreiben jetzt aufgetaucht ist.“ Für den Freiburger Historiker sind Funde wie dieser richtige Glücksfälle. „Es ist aus jener Zeit so vieles in privaten Händen verschwunden. Leider haben wir anders als andere Länder keine Handhabe, diese amtlichen Dokumente zurückzufordern. Und so tauchen sie häufig in Versteigerungen auf – zu Fantasiepreisen.“

Damit meint Menzel das vergangene Woche in New York versteigerte Original-Telegramm über die von Admiral Karl Dönitz verkündete Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945. Nachdem das auf 30 000 Euro taxierte Dokument zunächst keinen Käufer gefunden hatte, gab es Menzel zu Folge im Nachverkauf dann doch noch ein Gebot über 25 000 Euro. Solche Summen kann und will das Bundesarchiv nicht aufbringen. Dies sei der Bedeutung dann doch nicht angemessen. Faktisch, so Menzel, hätten die Fernschreiben damals kaum mehr eine Bedeutung gehabt. „Das lief alles über Radio und Funk. Die Wehrmacht verfügte gar nicht mehr über die Nachrichtenmittel, um alle zu erreichen.“ Dennoch: Das Flensburger Telegramm ist für Menzel ein wichtiges Dokument der Nordwest-Kapitulation, mit der die Regierung Dönitz noch einige wenige Tage Zeit für die Evakuierung der Ostgebiete vor der heranrückenden Roten Armee herausgeschunden hatte.

Das Fernschreiben sei vermutlich Teil der Übermittlungskette vom OKW in Mürwik zur Dienststelle des Kommandierenden Generals der Luftwaffe im dänischen Skanderborg und von dort an sämtliche nachgeordneten Einheiten. Müllers Schwiegervater Ewald Asmussen hatte das Dokument nicht wie vorgeschrieben abgeheftet, sondern mit nach Hause genommen. Für die Geschichtsforschung aber sei es v on großer Bedeutung, die Dinge auch in ihre Aktenzusammenhänge zu stellen und zu dokumentieren. „In dieser Phase gab es fast stündlich massive Veränderungen. Wir würden das Original gerne haben, können aber nur moralische Aspekte geltend machen.“

Ganz abgeneigt ist der Finder Joachim Müller nicht. Auf jeden Fall bestätigt ihn die Resonanz aus Freiburg in seiner Entscheidung, das Fernschreiben öffentlich zu machen, und mit dem Archivdirektor aus Freiburg will der Flensburger auf jeden Fall Kontakt aufnehmen. Vielleicht erweist sich Flensburg als Glücksfall, weil Müller auch noch über Dokumente von den U-Boot-Fahrten seines Vaters verfügt. Auf Zuruf aber wollte er das Fernschreiben dann aber doch nicht gleich frei geben. „Das muss ich mit meiner Frau besprechen. Schließlich war Ewald Asmussen ihr Vater.“

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