Lernort mit Glanz und Geschichte

 Igor Lebedev (19) aus Kaliningrad   ist einer der rund 120 Studenten an Bord. Foto: mbo
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Igor Lebedev (19) aus Kaliningrad ist einer der rund 120 Studenten an Bord. Foto: mbo

Blickfang am Ballastkai: Der russische Großsegler "Kruzenshtern" war Stargast bei den Nautics / Ein Bord-Besuch beim Kapitän

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20. August 2012, 06:39 Uhr

Flensburg | Nur durch kleine Luken fällt ein wenig Licht hinein in den majestätisch wirkenden Empfangsraum des Kapitäns. Die Wände aus dunklem Mahagoni-Holz, maritime Ölbilder, ein antiker Globus, blau-goldener Teppich. Schweres Ledermobiliar verströmt seinen ganz speziellen Geruch. Doch als Kruzenshtern-Kapitän Michail Novikov den Raum betritt, will seine Erscheinung nicht so recht in diese Atmosphäre passen. Legere helle Stoffhose und Polo-Shirt statt erhabener Uniform? "We are not the navy, as you can see" ("Wir sind nicht die Marine, wie Sie sehen können"), schmunzelt er mit einem Fingerzeig auf seine Kleidung. Die bis 1947 in deutschem Besitz befindliche "Kruzenshtern" (siehe Info-Kasten) dient heute dem russischen Ministerium für Fischwirtschaft zur Ausbildung des Nachwuchses für die Fischereiflotte.

Ein Besuch an Bord der Viermast stahlbark mit 180 Mann Besatzung ist wie ein Bummel durch eine historische Stadt. Hinter einer Tür an Deck verbirgt sich eine Kirche mit edlem Holzaltar, Heiligen-Zeichnungen und dem Geruch von Weihrauch. Unter Deck stößt man auf ein Museum, in dem historische Dokumente, Bilder und sämtliche Preise, die der Segler bei großen Rennen ergattern konnte, drapiert sind. Einige Flure weiter der Speisesaal der Chef-Crew, mit Lederstühlen und einem riesigen Flachbildschirm, über den Nachrichten aus der russischen Heimat flimmern. Erst ein Blick in einen Schlafraum der jüngeren Besatzung, 20 Mann in einem niedrigen Raum in Doppelstockbetten, lässt erkennen, dass das Leben an Bord nicht für jeden so komfortabel ist. Aber dennoch ein großes Abenteuer. Viele der etwa 120 Kadetten, darunter auch sechs weibliche, sind zum ersten Mal auf großer Fahrt. Die zukünftigen Ingenieure, Seefahrer und Hafen-Manager haben am 1. Juni im Heimathafen Kaliningrad ihre dreimonatige Ausbildungsfahrt begonnen, nach zwei Studienjahren. "Flensburg ist der letzte Stopp vor unserem Examen am Ende der Tour", erzählt der Igor Lebedev, 19 Jahre und - wenn alles gut geht - in einigen Wochen Schiffsingenieur.

Mit ihren strahlend weißen Hemden und marineblauen Hosen strömten die jungen Auszubildenen am Nautics-Wochenende in die Stadt, kauften ein und genossen die Fest-Atmosphäre. Und sie genossen es auch, Besuchern "ihr" Schiff zu zeigen. Der Kapitän zeigte sich nicht minder angetan von der Stimmung in Flensburg. "It looks like seemen’s home"("Es sieht aus wie die Heimat von Seemännern") - so beschreibt Michail Novikov die Hafenkulisse, an die er gern zurückgekehrt ist. Bereits vor acht Jahren war er mit seinem Schiff bei den Nautics zu Gast. Was er hier so schätzt? "Den komfortablen Hafen mit schönen Restaurants, Geschäften und Hotels in der Nähe", erklärt der Seefahrer. "Und die Freundlichkeit der Menschen."

Dieses Lob erhielten die russischen Gäste zurück. Am Samstagabend luden sie zu einem nach Angaben der Beteiligten rundum gelungenen Kapitänsempfang auf die "Kruzenshtern". "Sie haben sich viel mehr geöffnet als bei ihrem letzten Besuch", schwärmte gestern Nautics-Organisator Jürgen Edelhoff von der Gastfreundschaft der russischen Segler-Besatzung.

Heute heißt es Abschied nehmen. Um 8 Uhr früh soll die Bark auf die Außenförde geschleppt werden, von wo aus sie - je nach Wind sogar schon hier unter Segeln - Kurs auf die russische Heimat nehmen wird.

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