Leiser Abschied von Schwennauhof

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09. Oktober 2010, 05:44 Uhr

glücksburg | "Das wars!" Charlotte Hansen schaut mit einem tiefen Seufzer auf eine wunderbare Anlage, die nicht nur im Kreis Schleswig-Flensburg einmalig ist. Mächtige Buchen, deren Kronen schon herbstlich-gold glänzen, strecken ihre starke Äste beschützend über die heimeligen 60 Holzhütten. Von der nur wenige Meter entfernten Förde weht Luft, die nach Salz schmeckt, über die Spiel- und Sportplätze. Das Lachen von 90 Kindern und Jugendlichen zieht so warm und schön wie die Oktobersonne über die Hügel am Meer. Doch dieses Lachen verstummt nun für immer. Gestern verließen die letzten Schülergruppen Schwennauhof. Nach 50 Jahren ist das Ende für die Glücksburger Jugenderholungsstätte gekommen - unausweichlich und unumkehrbar.

Viele tausend Schleswig-Holsteiner und noch mehr Besucher aus anderen Bundesländern verbinden mit dem vom Sportverband Flensburg (SVF) betriebenen Jugendhof schönste Kindheitserinnerungen. Sportidole wie Uli Hoeneß oder Heide Rosendahl spielten und trainierten in jungen Jahren an der Flensburger Förde.

Dabei war Schwennauhof in seiner Grundidee nur für die Erholung der Flensburger Jugend gedacht. "Doch dieses Konzept ging nicht auf, die Flensburger wollten nicht nach Glücksburg", erinnert sich Charlotte Hansen. Für sie und ihren vor drei Jahren verstorbenen Ehemann und langjährigen Präsidenten des Deutschen Sportbunds Hans Hansen war der Jugendhof ein lebenslanges Herzensprojekt. "Wie viele Stunden wir hier verbracht, gearbeitet und gefeiert haben - ich kann es nicht zählen", sagt Charlotte Hansen.

Bewundernswertes ehrenamtliches Engagement und der Verzicht der Stadt Flensburg, die das ehemalige Bauernhofsgelände vor 50 Jahren geschenkt bekam, auf Pachtgebühren bildeten lange das Fundament für das Erfolgsmodell Schwennauhof. Nach der anfänglich schwachen Nachfrage aus Flensburg, wurde landes- und bundesweit um Schüler- und Sportgruppen geworden - mit großem Erfolg. Den anfänglichen Zelt-Unterkünften folgte der Bau von 340 Betten in Blockhütten und einigen Steingebäuden. Bis zu 48 000 Übernachtungen gab es in den besten Zeiten von Schwennauhof pro Jahr.

Trotz moderater Preise wurden gute Überschüsse erwirtschaftet. "Gut vier Millionen Euro haben wir in die Anlage investiert", sagt SVF-Vize- und Finanzchef Günter Schmidt. 30 000 Euro wurden zudem jedes Jahr - auch 2010 - an die Flensburger Vereine ausgeschüttet.

Im ehemaligen Stall wurde für die Bewirtung der Gäste eine leistungsstarke Küche mit Speisesaal eingerichtet. Dort hat in den vergangenen Tagen Maren Neuendorf die letzten Mahlzeiten für die letzen Gäste zubereitet. Schon ein wenig verloren steht sie zwischen den riesigen, blank geputzten Töpfen und der fast leeren Vorratskammer. Seit mehr als 20 Jahren ist dies der Arbeitsplatz der Mittfünfzigerin. "Der Abschied von Schwennauhof - das wird ein ganz großer Angang", sagt Maren Neundorf, den Tränen nahe. Sie zählt zu den drei Vollzeit-Angestellten, die wie auch die Teilzeitkräfte im November ihren Arbeitsplatz verlieren. "Etwas Neues in Aussicht hat noch niemand, dabei sind dies alles richtig gute Mitarbeiter", bedauert Charlotte Hansen.

Warum muss Schwennauhof schließen? Die Ehrenämtler und Teile des Inventars sind in die Jahre gekommen. Die hoch verschuldete Stadt Flensburg wollte nach Ablauf des Pachtvertrags in diesem Jahr nicht länger auf eine Pacht verzichten. Und auch die Besucherzahlen sind deutlich zurückgegangen. Im Vorjahr wurden nur noch 15 000 Übernachtungen gezählt. "Weniger Geld, mehr Lehrstoff - da kommen die Schulklassen nur noch seltener und kürzer", sagt Charlotte Hansen. Fazit: Ein Betrieb ohne größere Verluste war für den SVF nicht mehr möglich.

Die Aufgabe des Jugendhofs werden viele touristische Anbieter zu spüren bekommen. Artefact, das Schloss, die Flensburger Phänomenta und auch die Glücksburger Geschäfte werden künftig jedes Jahr auf tausende jugendliche Besucher verzichten müssen. Kurabgaben haben diese zwar nicht bezahlt. "Doch für die Übernachtungszahlen wird sich ein spürbarer Rückgang ergeben", sagt Rathaus-Mitarbeiterin Gesa Jürgens.

Was wird aus Schwennauhof? Bis zum 31. Dezember muss die Anlage besenrein der Stadt Flensburg übergeben werden. Ein Verkauf des 33000 Quadratmeter großen Sahnegrundstücks direkt an der Flensburger Förde gilt als wahrscheinlich. Doch über die künftige Nutzung entscheidet nicht Flensburg, sondern Glücksburg, das die Planungshoheit über die Anlage hat. Die Stadtvertretung hat die Umwidmung vom "Sondergebiet Jugendhof" in ein "Sondergebiet Ferienhausgebiet" bereits auf den Weg gebracht.

Ganz große Sportnamen finden sich auf den Wimpeln in den Vitrinen von Schwennauhof, unter anderem die Autogramme aller Fußballweltmeister von 1974. Charlotte Hansen möchte davon nichts mitnehmen. "Es werden noch einige Tränen fließen", weiß sie. Doch danach möchte sie ein großes Lebenskapitel auch ganz schließen. Die Region verliert mit Schwennauhof für immer ein junges, sportliches Herzstück.

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