150 Jahre Flensburger Tageblatt : Leinen los für die Fördeschifffahrt

Sommerausflug auf der Förde: Die voll besetzten Dampfer legten vom Dampffschiffpavillon ab.
Sommerausflug auf der Förde: Die voll besetzten Dampfer legten vom Dampffschiffpavillon ab.

Mit Fertigstellung des Dampfers „Seemöve“ wurde 1866 die Linie Flensburg – Kollund – Glücksburg – Sandacker – Ekensund – Gravenstein eröffnet.

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27. Januar 2015, 17:00 Uhr

Flensburg | Typisch Flensburg: der Hafen und die Förde. Typisch Flensburg: die Dampfer, die einst Tausende von Flensburgern unter mächtigen Rauchfahnen aus ihren Schloten sonntags zu den Ausflugsorten am Rand der Förde brachten. Typisch Flensburg: ältere Damen, die mit ihren Partoutkarten während der ganzen Saison die Schiffe nutzen konnten, dies auch reichlich taten und sich in einem Kauderwelsch unterhielten, bei dem ein Nicht-Flensburger seinen Ohren nicht zu trauen glaubte. Nach dem Namen der Dauer-Fahrkarte wurde die Sprache in „Petuh“ und die Benutzerinnen „Petuhtanten“ benannt.

Der Erfinder der Fördefahrten hätte es eigentlich verdient, dass ein Denkmal für ihn aufgestellt oder eine Straße in Hafennähe nach ihm benannt wird: Friedrich Mommse Bruhn, Flensburger Caffee- und Colonialwarenhändler. In den 1860er Jahren reiste er, 32 Jahre alt, nach Hamburg. Auf der Alster entdeckte er die neuartigen Ausflugsdampfer und war entzückt. Bruhn schafft es, in Flensburg den Eisengießer Heinrich. M. Jepsen und seinen Kaufmannskollegen Wilhelm C. Frohne zu überzeugen: Was auf der Alster geht, geht auch auf der Förde.

Im Mai 1866 war es so weit: Der von den drei Flensburgern in Hamburg in Auftrag gegebene Dampfer „Seemöve“ war fertig. Mit ihm wurde die erste Fördelinie eröffnet: Flensburg – Kollund – Glücksburg – Sandacker – Ekensund – Gravenstein. Nicht alle waren begeistert. Im Gegenteil: Die „nüümodschen Stinkewer“ sorgten für Misstrauen. Die Stadtväter von Gravenstein gaben es Kaufmann Bruhn sogar schriftlich, sie untersagten ihm das Anlegen mit einem Dampfer in Ortsnähe.

Brunsnis wollte sich der neuen Zeit nicht ganz verschließen und baute eine Brücke. Aber Holz war teuer, und so war es gut, zu sparen, wo irgend möglich. Als die „Seemöve“ aus Flensburg kam, drängten sich Dutzende von Menschen auf dem Steg. Plötzlich der Krach – das ganze Empfangskomitee samt Musikkapelle versank bis zur Brust im Wasser. Die Dampfermannschaft konnte sich kaum halten vor Lachen.

Pech für Fiede Bruhn, dass es damals noch nicht die Möglichkeit gab, sich eine Geschäftsidee schützen zu lassen. Die Idee wurde geklaut. Ein Reeder aus Sonderburg ging ebenfalls mit Dampfern auf Fördefahrt. Ein Preiskrieg wurde zwischen Flensburg und Sonderburg ausgefochten. Lachende Dritte waren die Fahrgäste, weil sich die Konkurrenten mit neuen Schiffen und immer niedrigeren Preisen unterboten. Die Aktionäre beider Gesellschaften sahen ihre Dividende untergehen und verlangten von den Direktoren, Gespräche über eine Fusion aufzunehmen. So trafen sich die Geschäftsleute von der Förde und vom Alsensund 1875 in Bruhns „Privatcomptoir“ und gründeten eine Betriebsgemeinschaft.

Stattliche Beförderungszahlen waren zu verzeichnen: 600 000 Passagiere im Jahr. Eine Basis des wirtschaftlichen Erfolges waren die Passagiere, die die „card-passepartout“ kauften. Für 62 Mark durften sie in der Saison alle Linien bis nach Apenrade befahren. An Bord waren sie – zumeist Damen – die „Prominenz auf der Förde“. Sie wussten über alles Bescheid, was sich auf dem Wasser bewegte. Die Sitzgelegenheiten mit der schönsten Sicht, aber windgeschützt, beanspruchten sie und, wehe!, jemand wagte es, sich dort niederzulassen. Mit Schimpfkanonaden und angriffslustig vorgestreckten Schirmen wurden die Plätze zurückerobert.

Auch Herr Direktor Bruhn ging den resoluten Damen ins Netz und wurde mit ihren Wünschen überschüttet. „Herr Direktor“, bestürmten ihn die Petuhtanten, „sseit ßie 1872 führten der Petuhkartens ein, hab ich jedes Jahr eine chehabt un jedes Jahr alle Fahrtens abchefahren. Können Sie nun nich un verlängern Ssäson um einen Monat?“ Aber dann wurde Direktor „Fiede“ energisch: „Go endlich to hus un stopp de Strümp!“, herrschte er die Damen an.

Viele Dampfer konnten nicht nur Fahrgäste, sondern auch Fracht und Vieh mitnehmen. Ein einträgliches Geschäft! Allerdings wollte mancher Vierbeiner nicht unbedingt mit dem Schiff fahren und ging schon von der Ladeplanke oder von Bord ins Wasser. Dann war es an einem Viehtreiber, das widerspenstige Viech aus dem Fördewasser zu bergen.

Aus der Gemeinschaft wurde am 27. November 1896 die Flensburg-Ekensunder und Sonderburger Dampfschiffahrtsgesellschaft – kurz: „die Vereinigte“. Fast eine Million Fahrgäste wurden um die Jahrhundertwende gezählt. Abgerissen wurde die „Dampfschiffshalle“ aus den Anfangsjahren der Fördeschifffahrt. Im Jahr ihrer Gründung leistete sich die „Vereinigte“ einen prächtigen Dampfschiffspavillon an der Hafenkante. Hier konnten die Passagiere ihre Fahrkarten kaufen, die Flensburger einen Restaurant-Besuch mit Fördeblick genießen. 1908 kam ein Prachtstück von Schiff zur Flotte: die „Alexandra“. Sie sollte das Flaggschiff der Dampfer werden. Nicht ganz so schlank wie die „Feodora“, aber auch nicht so windanfällig. Bald nach Ankunft des Schiffes in Flensburg ging Direktor „Fiede“ an Bord, auf die Brücke und verlangte eine Tasse Kaffee. Es war ein Ritual: Der Direktor wollte sehen, ob sich die Flüssigkeit in der Tasse kräuselte. Tat sie es nicht, lief das Schiff absolut ruhig, ohne Vibrationen. Bruhn guckte kritisch und trank dann die Tasse leer – einverstanden!
Als sich die „Vereinigte“ 1934 nicht mehr halten konnte, übernahm ein neues Unternehmen den Betrieb auf der Förde, die Förde-Reederei und war auch noch präsent, als nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder kam. Da wurde die alte Dame „Alexandra“ wieder gebraucht. Das Zauberwort, das wieder volle Schiffe bescherte, hieß nun „zollfreier Einkauf“: Schnaps, Zigaretten, günstige Butter. Der Begriff prägte die ganze Branche: Butterdampfer. Noch bis in die 1970er Jahre setzte die Förde-Reederei die „Alexandra“ als letztes Dampfschiff einer einst großen Flotte ein, dann hieß es im August 1975 „Feuer aus“ im Maschinenraum. Der Dampfer lag am östlichen Hafenufer, wurde nicht mehr gepflegt und nicht mehr bewegt. Mit Freude haben Liebhaber verfolgt, dass die Flensburger das Ende des Dampfers nicht hinnehmen wollten. Eine Gruppe fasste den Entschluss, an Bord zu gehen und mit Restaurierungsarbeiten zu beginnen: bundesweit die erste Schiffsbesetzung.

Etliche Flensburger halfen mit Arbeitskraft, mit Material und Kuchenspenden. Irgendwann ging den Verantwortlichen in der Reederei auf, dass der Plan, die „Alex“ zu verschrotten, nicht aufgehen würde. Der Verein der Schiffsliebhaber konnte schließlich den Dampfer in seinen Besitz nehmen. Die Stadt wurde gebeten, in die Erhaltung einzusteigen. Aber im Rathaus winkte man aus Angst vor einer dauerhaften Kostenlast ab. Oberbürgermeister Dielewicz und Sparkassen-Chef Wedegärtner fanden jedoch eine geniale Lösung: Führende Mitarbeiter aus dem Geldinstitut wurden gebeten, sich im Verein zu engagieren. Sie stiegen ein, retteten den Verein nach dem ersten großen Werftaufenthalt vor der Pleite. So gelang es, den letzten Zeugen einer großen Zeit, das schwimmende Wahrzeichen Flensburgs und anerkannte Kulturdenkmal „Alexandra“, für die Nachwelt zu retten. Nach einer umfangreichen Kur in der Werft wurde die „Alexandra“ im Januar 1989 von Tausenden von Flensburgern an den Ufern ihres Heimathafens begeistert empfangen.

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