Leichte Geburt für Insulanerinnen

In guten Händen sind Schwangere bei Anke Jürgensen (links), der leitenden Hebamme der Diako Flensburg, egal, ob sie von Sylt kommen oder vom Festland – so wie Carmen Martensen aus Torsballig in Angeln.
In guten Händen sind Schwangere bei Anke Jürgensen (links), der leitenden Hebamme der Diako Flensburg, egal, ob sie von Sylt kommen oder vom Festland – so wie Carmen Martensen aus Torsballig in Angeln.

Seit gut einem Jahr bieten die Flensburger Diako und der Verband der Ersatzkassen werdenden Mütter von Sylt Unterkunft und Versorgung

shz.de von
21. Januar 2015, 11:50 Uhr

Die Möbel und Holzfußböden wirken gemütlich, die Badezimmer der Gästezimmer sind großzügig. Das Haus Pniel auf dem Gelände der Diako liegt nahe der Flensburger Innenstadt, der Kreißsaal des Krankenhauses befindet sich gleich gegenüber. Seit gut einem Jahr hält die Diakonissenanstalt in der Jugendstil-Villa das „Boarding-Angebot“ für schwangere Frauen von Sylt vor. Zum Januar 2014 hatte die Entbindungsstation in der Westerländer Nordseeklinik unter hoch emotionalem Protest vieler Insulaner geschlossen. Die Gründe dafür sind für Karl-Heinz Vorwig „uninteressant“. Indes sei die Motivation gewesen: „Wir möchten helfen“, stellt der kaufmännische Vorstand der Diakonissenanstalt Flensburg klar.

Die schwangeren Insulanerinnen, die bis zur Geburt ihres Kindes im Haus Pniel wohnen, würden keinen Luxus vorfinden, bleibt Vorwig bescheiden. Doch finden sie in der Diako ein „Perinatalzentrum des Levels I“ vor, das heißt, eines mit der höchsten Versorgungsstufe rund um die Uhr. Das Angebot habe sich bereits bewährt, resümiert er. Im ersten Jahr zählt Vorwig 41 Mütter von Sylt, die in Flensburg entbunden haben – rund 30 mehr als früher. 24 der werdenden Mütter von Sylt hätten im vorigen Jahr Einzel- oder Doppelzimmer im Haus Pniel bezogen (die übrigen Frauen wohnten privat) und dort bis zur Geburt und danach zwischen einem und 19 Tagen verbracht. Das kostet die werdenden Mütter nichts. „Wir haben mit den Kassen eine Pauschale vereinbart“, erklärt der kaufmännische Vorstand.

Sich idealerweise eine Woche vor dem Stichtag anzumelden und ins Gästehaus einzuziehen, legt Armin Tank schwangeren Insulanerinnen als „Empfehlung und Möglichkeit“ ans Herz. Armin Tank ist vor allem wichtig, dass sich die schwangeren Sylterinnen frühzeitig überlegen, wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten. In Flensburg sei nicht nur die Versorgung hervorragend, zusätzlich wurden und werden Rettungssanitäter geschult. Unter Sicherheits- und Qualitätsaspekten sei die Entscheidung für diesen Weg richtig, betont Tank, der die Landesvertretung beim VDEK leitet. Sein Verband der Ersatzkassen ist Partner im „Boarding-Konzept“ mit dem Flensburger Krankenhaus.

Nachdrücklich plädiert auch Dr. Andreas Krokotsch für das Modell. Der Arzt und vierfache Vater leitet beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Nord die Abteilung Stationäre Versorgung. Er nehme sehr wohl wahr, welche Nachteile mit wie viel Emotion von den Skeptikern des Konzepts vorgetragen werden. So könne er durchaus nachempfinden, vor welche Schwierigkeiten Väter und Geschwisterkinder gestellt werden, „dabei zu sein“, wenn die Sylterin in Erwartung der Geburt einige Tage auf dem Festland wohnt. Jedoch überwiegen aus seiner Sicht die Vorteile. „Sicherheit“ für Mutter und Kind benennt Krokotsch als wichtigstes Argument und vergleicht die Situation mit der Bedeutsamkeit von Flugstunden für Piloten. Wenn diese ihr Soll nicht erfüllen, steige das Risiko von Unfällen.

Mit zuletzt nur noch 90 Geburten auf Sylt im Jahr gelte auch hier der Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität. Keinesfalls will der Arzt dies als Kritik an der Arbeit der Kollegen verstanden wissen. Dafür gebe es keine Anhaltspunkte. „Es ist eine Konstellation eingetreten, für die es keinen Schuldigen gibt“, betont Krokotsch und lobt die Akteure, die zum richtigen Zeitpunkt die Zeichen der Zeit erkannt und gehandelt hätten.

Während die Hälfte der Schwangeren von Sylt bis zur Entbindung in Flensburg wohne, wählten die übrigen zwischen Niebüll und Husum, weiß Karl-Heinz Vorwig. Nur Niebüll biete ebenfalls das Boarding-Konzept.

Diakonisse Hannelore Balg, Oberin der Diako, will Familien weitere Bedenken nehmen. Sie weist auf die Kindertagesstätte der Diako in der Nachbarschaft hin, wo immerhin von 7 bis 17 Uhr für die Betreuung der Geschwisterkinder gesorgt ist. Außerdem garantierten inzwischen unter anderem ehrenamtliche Diakonissen dafür, dass dies sogar nachts der Fall wäre, sollte eine Sylterin in der Nacht ihr Kind bekommen.

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