Totschlagsprozess gegen Mann aus Bredstedt : Leiche unter Gartenteich: Freispruch für 27-Jährigen

Abgeriegelt: Der Fundort der Leiche in einem Schrebergarten.
Abgeriegelt: Der Fundort der Leiche in einem Schrebergarten.

Im Streit um die Beute soll ein Einbrecher seinen Komplizen erstochen haben. Ein Handeln in Notwehr schloss das Gericht nicht aus.

shz.de von
21. Mai 2015, 15:10 Uhr

Flensburg | Zwei Freunde brechen im August vergangenen Jahres in eine Wohnung auf Sylt ein. Sie stehlen unter anderem Waffen, Goldmünzen und Bargeld. Doch um die Aufteilung der Beute gibt es einen Streit, der am 1. September 2009 eskaliert und für den jüngeren der beiden Diebe tödlich endet. Was genau an diesem Tag geschah, konnte die Schwurgerichtskammer am Landgericht Flensburg nicht zweifelsfrei klären. Am Donnerstag ist der 27-jährige Angeklagte daher vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen worden.

Ein Handeln in Notwehr konnte die Kammer nicht ausschließen. Das spätere Opfer soll den Angeklagten zuvor von hinten mit einem Klappmesser angegriffen haben, bevor es selbst rund 60 Hieb- und Stichverletzungen erlitt.

Der Angeklagte wickelte dann die Leiche des Opfers in Folie und vergrub sie unter einem Gartenteich. Der 25-Jährige galt seitdem zwei Monate lang als vermisst, ehe Polizisten die Leiche Ende Oktober auf einem Gartengrundstück in Bredstedt in Nordfriesland fanden. In ersten Vernehmungen hatte der Angeklagte den Angaben zufolge die Tötung und das Verstecken der Leiche gestanden.

Die Kammer habe in der Hauptverhandlung nur teilweise aufzuklären vermocht, was tatsächlich geschehen sei, sagte die Vorsitzende Richterin. Es gebe keine direkten Tatzeugen und der Angeklagte habe vor Gericht von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Die Richterin betonte, die von ihr beschriebene Version des Tatablaufs sei „nicht die einzige und auch nicht die wahrscheinlichste“, sondern nur eine Möglichkeit dessen, was passiert sein könnte.

Demnach soll der jüngere Mann den Angeklagten aus Enttäuschung darüber, seinen Anteil an der Beute nicht wie erhofft erhalten zu haben, von hinten angegriffen haben. Dies habe der 27-Jährige in einem Spiegel gesehen und das spätere Opfer mit einem Ellbogenhaken ins Gesicht niedergestreckt. Der 25-Jährige schaffte es demnach mit einem Fußtritt den Älteren ebenfalls zu Fall zu bringen, trotz seiner Verletzungen kampffähig zu bleiben – und versucht haben ans Messer zu kommen. Der Angeklagte habe sich wehren dürfen, sagte die Richterin. Notwehr sei in diesem Fall gerechtfertigt, der Angeklagte freizusprechen.

Wegen des Einbruchs wurde der Angeklagte jedoch verurteilt. Er erhielt eine Haftstrafe von neun Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt wurde. Darüber hinaus muss er 200 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten.

Mit ihrem Urteil folgte die Kammer weitgehend den Forderungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Notwehr könne nicht mit der erforderlichen Sicherheit ausgeschlossen werden, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. „Wir können nicht ausschließen, dass es ein Kampf bis zuletzt gewesen ist.“ Im deutschen Rechtssystem gelte der Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten. Eher dürfe ein Schuldiger freigesprochen, als ein Unschuldiger verurteilt werden.

Ähnlich argumentierte die Verteidigerin, es sei nicht zu widerlegen, dass das spätere Opfer ihren Mandanten zuerst angegriffen habe. Die Notwehrhandlung sei gerechtfertigt gewesen.

Auch eine der drei Nebenklagevertretungen schloss sich der Forderung nach einem Freispruch an. Auch wenn es schwer zu verstehen sei, wie bei 59 Stichen von Notwehr auszugehen sei, könne sie juristisch nicht ausgeschlossen werden. „Was wirklich passiert ist, weiß nur der Angeklagte selbst“, sagte die Anwältin. Wenn es keine Notwehr gewesen sei, werde er mit der Schuld leben müssen.

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