Foodsharing Flensburg : Lebensmittel-Retter: „Nichts wird weggeworfen!“

Eunike Meyer: „Damit kann man auf lokaler Ebene viel erreichen.“
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Eunike Meyer: „Damit kann man auf lokaler Ebene viel erreichen.“

Ein Drittel der Lebensmittel in Deutschland wird weggeworfen, obwohl diese noch genießbar wären. Dagegen gehen die Flensburger „Foodsaver“ vor.

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14. Dezember 2017, 16:03 Uhr

Flensburg | Ein Computer sortiert Tomaten aus, deren Rot nicht genug leuchtet, Arbeiter nehmen Augenmaß an Kartoffeln auf einem Fließband und werfen fast die Hälfte weg, körbeweise Brote wurden nicht verkauft und landen deshalb im Container. Beim Anblick solcher Verschwendung kann einem schlecht werden.

Valentin Thurn hat 2010 lieber einen Dokumentarfilm gedreht, „Taste the Waste“, und zwei Jahre später „Foodsharing“ gegründet. Gerade haben die Initiativen zu ihrem fünften Jahrestag des Bestehens am Dienstag gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe öffentlich eine nationale Strategie zur Halbierung der Lebensmittelverschwendung bis 2030 gefordert.

Lennart Bausdorf: „Wir verschenken alles.“
Michael Staudt
Lennart Bausdorf: „Wir verschenken alles.“

Seit dreieinhalb Jahren gibt es die Initiative auch in Flensburg. Bislang haben hier 35 aktive „Foodsaver“ in über 300 Einsätzen acht Tonnen Lebensmittel gerettet, zitiert Lennart Bausdorf die Statistik. Der 26-jährige Student der Sonderpädagogik ist wie seine Mitbewohnerin Eunike Meyer seit zwei Jahren dabei.

Eunike Meyer: „Damit kann man auf lokaler Ebene viel erreichen.“
Michael Staudt
Eunike Meyer: „Damit kann man auf lokaler Ebene viel erreichen.“

Foodsharing sei eine Bewegung, die Lebensmittel rettet, bringt die 24-jährige Rheinländerin es auf den Punkt. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass mindestens ein Drittel der Lebensmittel in Deutschland weggeworfen werden, die noch genießbar wären. Wer habe nicht schon Joghurt gegessen, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen sei, fragt die Master-Studentin. Meyer lernte das Foodsharing über Freunde in Köln kennen und fand die Bewegung sinnvoll, so dass sie sich der Gruppe in Flensburg anschloss.

„Oberstes Ziel: Nichts wird weggeschmissen“, erklärt sie. Im Winter einmal wöchentlich, im Sommer drei Mal in der Woche holen „Foodsaver“ von Betrieben oder Privatleuten Essen ab, das ansonsten im Müll landen würde. Grundsätzlich laufe die Vereinbarung „von privat zu privat“, alles werde verschenkt, Geld fließt keines. Das habe rechtliche Gründe und funktioniere auch bundesweit pannenfrei.

Anhand von „drei Säulen“ erläutert Lennart Bausdorf das Prinzip: Entweder handelt es sich um eine Privatperson, die vielleicht in den Urlaub fährt und zu viel eingekauft hat, was noch gut und genießbar ist, aber nach drei Wochen Mallorca nicht mehr essbar ist. Oder man bestückt und bedient sich beim „Fair-Teiler“ – das sind Regale oder Kühlschränke an Orten wie dem Brasseriehof (Große Straße 42 bis 44). Oder die Foodsharer und Foodsaver vereinbaren feste Termine mit Betrieben, die Essbares übrig haben und nicht mehr verkaufen dürfen oder können. „Der Vorteil für die Firmen: Sie müssen es nicht selbst entsorgen“, sagt Bausdorf. In Flensburg gebe es eine Handvoll solcher Partner, sagen die beiden Studenten, vornehmlich Bäckereien und Gemüsehändler.

In jüngster Zeit haben sie deshalb vor allem Leckereien wie Kürbisse, Äpfel und Pilze bekommen und verteilt, außerdem Croissants, Franzbrötchen und Donuts. Sonnabends um 18.45 Uhr kann man sich in der Norderstraße 108 – auch liebevoll nur „hundertacht“ genannt – daraus aussuchen, was man mitnehmen möchte.

Verteilt wird „an jeden, der kommt“, betont Bausdorf. Niemand müsse nachweisen, dass er die Lebensmittel brauche, um zu überleben, ergänzt Meyer. Auch ein Millionär könnte kommen. Die Foodsharer sehen sich als Ergänzung zur Tafel und als legale Alternative zu Leuten, die Lebensmittel aus Containern retten.

Auf den monatlichen Community-Treffen tauschen die Aktiven Ideen aus – fürs nächste Mal (15. Januar, 16 bis 20 Uhr im Brasseriehof) haben sie schon eine: „Wir wollen gemeinsam kochen“, sagt Lennart und hofft wie Eunike, dass viele Gäste und künftige Lebensmittelretter kommen.

Die Foodsharing-Seite finden Sie hier.

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