Leben im Pastorat - Es war Liebe auf den ersten Blick

Seelsorgerin Bettina Sender (2. von links) und ihre Familie leben gerne in dem seit 1980 unter Denkmalschutz stehenden Pastorat von Toestrup.  Fotos: U. Köhler
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Seelsorgerin Bettina Sender (2. von links) und ihre Familie leben gerne in dem seit 1980 unter Denkmalschutz stehenden Pastorat von Toestrup. Fotos: U. Köhler

Sie zieren die Landschaft, die vielfältigen Baudenkmäler, die Angeln von Gütern über Mühlen bis hin zu Fachwerk-Katen zu bieten hat - kosten aber auch viel Geld, wenn sie erhalten werden sollen. Umso wichtiger ist, dass unter den historischen Dächern das Leben pulsiert. Positive Beispiele für neues Leben hinter alten Mauern gibt es genug - in einer Serie stellen wir sie vor. Heute das Pastorat Toestrup.

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13. Januar 2009, 06:40 Uhr

Oersberg | Das Pastorat der Kirchengemeinde Toestrup ist für die 42-jährige Seelsorgerin Bettina Sender Amts- und Wohnsitz zugleich. Das 1789 errichtete Gebäude - ein verputzter Ziegelbau mit Reetdach und Freitreppe als Hauseingang - steht seit 1980 unter Denkmalschutz. Damit, so die Pastorin, lässt es sich durchaus gut leben, wenn man einmal davon absieht, dass die Heiz- und Stromkosten das Budget ihrer Familie erheblich belasten. Es ist nun einmal ein altes Haus, in dem es mal hier, mal dort zieht.

Abzüglich des Amtszimmers steht der Familie Sender im Pastorat eine Wohnfläche von 241 Quadratmetern - sieben Zimmer - zur Verfügung. "Da kann man sich gut ausbreiten", sagt die Pastorin. Zu ihrer Familie gehören immerhin sechs Personen: Sie selbst, ihr Ehemann Gerhard - der 50-Jährige ist Marineoffizier - sowie die Kinder Johannes Friedrich (18), Christian Asmus (16), Rudolf Matthias (acht) und Friederike Elisabeth Katharina (sechs). Hinzu kommen die einjährige Hündin "Sina" und der mittlerweile 30 Jahre alte Papagai "Ricco", eine Gelbstirn amazone. Überdies sind Besucher im Hause Sender stets willkommen. Doch die Zeiten, in dem sich ein großer Teil des gemeindlichen Lebens im Pastorat abspielte, sind vorbei.

Als Bettina Sender im Mai 2004 nach Toestrup kam und das Pastorat sah, war das für sie "eine Liebe auf den ersten Blick". Dieses Haus habe einen Charme, dem sich weder sie noch ihre Familie entziehen könne oder wolle, sagt sie: "Hier sind wir glücklich". An die für sie wenig ideale Raumaufteilung mit "Durchgangszimmern" haben die Senders sich längst gewöhnt, auch an die Größe des Flurs, in dem die sechsjährige Tochter mit Inline-Skatern unterwegs ist.

Für die aus Flensburg stammende Pastorin ist es von großer Bedeutung, dass das Pastorat und die seit 1198 in direkter Nachbarschaft stehende St.-Johannes-Kirche sowie das nahe Gemeindehaus eine Einheit bilden und zudem das Zentrum des geistlichen Lebens für das 850 Seelen zählende Kirchspiel sind.

Aus den Annalen und Erzählungen Alteingesessener weiß Sender, dass es zu allen Zeiten ihrer Pastoren-Vorgänger - sie ist die 28. Pastorin in der Reihenfolge der Seelsorger seit 1569, ältere Unterlagen gibt es nicht mehr - Sanierungs-Bedarf im und am Pastorat gab und weiterhin geben wird. Im vergangenen Jahr hat die Südseite des Gebäudes nach altem Vorbild und in Abstimmung mit dem Amt für Denkmalpflege neue Fenster erhalten. Finanzierungspartner dabei waren die Kirchengemeinde, der Kirchenkreis und die Nordelbische Kirche. Sie selbst, erzählt die Pastorin, steuere zur Miete noch einen Schönheitsreparaturen-Zuschlag bei. Dieses Jahr ist eine neue Heizung fällig.

Sorgenvoll blickt die Pastorin auf das Reetdach an der Nordseite des Pastorates. Das sei zwar vor noch gar nicht so langer Zeit erneuert worden, aber dürfte wohl bald wieder fällig sein.

Eine Sanierung des Pastorats von Grund auf wäre ideal, befindet die Pastorin, sie weiß aber, dass das finanziell nicht machbar ist. Ohne Frage wäre es ökonomischer, das alte Haus durch einen Pastorat-Neubau zu ersetzen.

Doch da winkt Bettina Sender ab. Das könne weder sie noch der Kirchenvorstand sich vorstellen: "Das ist nicht gewollt." So werde also weiterhin Geld angespart, um das alte Gebäude so zu erhalten, wie es seit weit über 200 Jahren zur Kirchengemeinde Toestrup gehört und an nachfolgende Generationen weitergegeben werden soll. Das, so die Seelsorgerin, zeuge von einem verantwortungsvollen und zugleich liebevollen Umgang mit der gewachsenen Einheit von Kirche, Pastorat und Gemeindehaus mit dazugehöriger Leichenhalle.

"Groß und geräumig, aber feucht und kalt; nicht alle Zimmer können beheizt werden", so hatte der erste im heutigen Pastorat lebende und für Toestrup von 1789 bis 1807 tätige Seelsorger Georg Henningsen die damalige Haus-Situation beschrieben. Sönke Friedrichsen, von 1900 bis 1936 Pastor, kommentierte sein Leben im Toestruper Pastorat mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. Er und seine Frau - das Ehepaar war kinderlos - nahmen den brüchigen Fußboden in den damals elf Zimmern klaglos hin: "Da muss man nicht hintreten!" Auch dass die Fenster teilweise zugenagelt waren, um ein Herausfallen zu verhindern, wurde von dem Ehepaar akzeptiert: "Das ist eben so."

Als das heutige Pastorat an seinem jetzigen Standort 1789 errichtet wurde - es hatte zuvor an anderer Stelle eine Wohnstatt für den Seelsorger gegeben -, war nicht versäumt worden, auf dem Dachboden je einen Verschlag für eine Mägde- und Knechtekammer abzuteilen. Auch gab es dort eine Räucherkammer, zudem ein Backhaus sowie inzwischen abgebrochene Scheunen. Schließlich waren die Toestruper Pastoren bis 1877 nicht nur Seelsorger, sondern notgedrungen auch Bauern. Denn ein geregeltes Einkommen gab es für sie nicht, bezahlt wurden sie für Amtshandlungen wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen - meistens in Naturalien. So wird in der Toestruper Kirchspielchronik ein Pastor, der zugleich auch Landwirt war, zitiert: "...ich lerne dabei, dass Kanzel und Kuhstall manches gemein haben. Für beide gilt, ohne Fleiß kein Preis, ohne Gabe keine Habe. Und man spürt an beiden Orten, dass an Gottes Segen alles gelegen ist. Jetzt verstehe ich meine Hufner und Kätner mit ihren Sorgen, Nöten, Freuden und Feiern viel besser."

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