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Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 00:38 Uhr

Jazz in Flensburg : Laut und gut

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tini Thomsen und Band im Orpheus: Junger Jazz abseits vom Mainstream in der Reihe „Fantastische Musik“

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2016 | 18:33 Uhr

Dunkle Locken, zierliche Figur im Overall, ein fettes Baritonsaxofon vor der Brust. Tini Thomsen hat schwer zu tragen an ihrem Instrument, das fast so groß ist wie sie selbst. Dagegen wirkt das Altsax ihres Pendants auf der rechten Bühnenseite wie ein Spielzeug. Nigel Hitchcock ist ein Hüne und gerade von einer Tour mit Mark Knopfler zurück. Jetzt spielen sie mit Verstärkung von Bass, Schlagzeug und Gitarre im kleinen Orpheus. Haben sich im Kostümfundus von Theaterchefin Conny Meesenburg bedient und erscheinen mit Langhaarperücke, Leopardenmntel, Poncho und Hut. „Sie haben sich verkleidet wie kleine Jungs“, sagt Tini Thomsen nachsichtig. Und an Bassist Mark Haanstra gewandt: „Normal sieht er eigentlich ganz gut aus.“ Dann setzt auch schon fulminantes Gebläse ein und fegt wie ein Sturm über das gesetzte Publikum.

Das Quintett ist wie maßgeschneidert für die Konzertreihe „Fantastische Musik“, die sich dem zeitgenössischen, jungen Jazz verschrieben hat. Die Band spielt jenseits allen Mainstreams, kommt frontal, energetisch und ungeschliffen daher, das Baritonsaxofon bohrt sich in den tiefen Tonlagen durch Mark und Bein. Die Gläser wackeln auf den Tischen. Es ist laut! So laut, dass einige Zuhörer („Das ist ja Stress pur“) in der Pause verschreckt die Flucht ergreifen. Da hilft es wenig, dass der Tonmischer die Regler nach den ersten Stücken ein wenig zurücknimmt. Vielleicht hätten die Verweigerer das alles nach ein paar Dosen Bier auf einem Festival besser verkraftet, nicht aber in diesem plüschigen Ambiente.

Der zweite Set beginnt mit einem fantastischen Solo des englischen Gitarristen Tom Trapp. Das ist weit mehr als Jazz. Es rockt und groovt gewaltig, und wenn Trapp gekonnt die Saiten quält, wähnt man sich fast in einer Death-Metal-Show oder einer Postpunk-Performance. Drummer Satindra Kalpoe treibt die Band nach vorn, sie hat sich jetzt richtig warm gespielt. Das Zusammenspiel ist trotz aller Brüche in den Kompositionen sehr homogen, die Zuhörer beginnen zu genießen. Die Dramaturgie stimmt.

Tini Thomsen hat nicht nur Tracks ihrer ersten CD „Max Sax“ gewählt, sondern auch des noch nicht einmal gepressten Nachfolgers. Es sind Live-Premieren – wie etwa „Say It Quietly“, „Imaginary Friend“ oder „Chicago“. Die 34-Jährige empfiehlt, sich das Video „Step And Run“ bei YouTube anzusehen, auf dem sie von einem riesigen Saxofon verfolgt wird. Bei der Zugabe lässt sie es noch einmal richtig krachen. „Wir können leiser spielen“, sagt sie, „aber es macht weniger Spaß.“


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