Laufende Nr. 75: Wilhelm, Kaiser . . .

Offiziersanwärter: Die erste Crew an der neu erbauten Marineschule in Flensburg.
Offiziersanwärter: Die erste Crew an der neu erbauten Marineschule in Flensburg.

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10. August 2010, 06:40 Uhr

Flensburg | Die Karteikästen enthalten fotografische Schätze wahrhaft historischer Dimension: Die alten Gruppenfotos in Schwarzweiß zeigen (fast) alle Offiziersanwärter der Marine mehrerer deutscher Staatsgebilde seit 1866. Überdurchschnittlich viele Besucher des Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrum (WGAZ) der Marineschule Mürwik bleiben hier "hängen": "Die meisten versuchen auf den Fotos Angehörige oder auch sich selbst zu entdecken", sagt Archiv-Assistent Joachim Czech. Leitkriterium bei der Suche sind die "Crews". Alte Marinetradition ist die Festlegung auf Jahr und Monat des Beginns der Ausbildung als jeweilige Crew. Das war schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts so (übrigens auch in den Marinen anderer Nationen) und wird seit genau 100 Jahren ebenfalls an der Mürwiker Marineschule gepflegt. Seit Anbeginn der Bundesmarine haben hier alle späteren Offiziere ihre Laufbahn begonnen. Der Crew-Gedanke drückt auf besondere Weise ihr Zusammengehörigkeitsgefühl aus.

Die erste offizielle und letztlich berühmteste Crew war die "1910er", deren Geschichte gut dokumentiert ist. Bei ihrer Zusammenkunft am 6. April 1910 war die Marineschule Mürwik noch nicht fertig gebaut. Daher wurden die 204 Anwärter zunächst in der damaligen Marineschule Kiel (dem heutigen Landtag) versammelt und anschließend auf die vier Schulschiffe "Freya", "Hertha", "Victoria Louise" sowie "Hansa" verteilt. Deren Präfix lautete jeweils "S.M.S" für "Seiner Majestät Schiff" - es herrschte Kaiserzeit. Nach anfänglicher Ausbildung in heimischen Gewässern folgten Auslandsreisen ins Mittelmeer und nach Westindien. Erst am 21. April 1911 zogen die schon zu Fähnrichen beförderten Soldaten in die Marineschule Mürwik ein, die im November zuvor fertig gestellt worden war. Ausbildung und Freizeit beschreibt der Crew-Chronist im "Ehrenbuch des Seeoffiziers-Jahrgangs 1910" folgendermaßen: "…all die geistigen und leiblichen Genüsse dieses Jahres… das Segeln auf der Flensburger Förde, das Tennis- und Hockeyspielen, die Ausflüge nach Glücksburg und ins Rote Haus, die Abende bei Röschen im Parkhotel…". Der Unterricht für Landtaktik und Befestigungslehre begann "erfreulich oft bei der Wegkreuzung Blasberg - Fruerlund". Waffenkunde wurde unter anderem an der Schiffsartillerieschule Sonderburg und der Torpedoschule Mürwik gelehrt. Im Oktober war die Schülerzeit vorbei - das Gelernte sollte im praktischen Dienst an Bord umgesetzt werden.

Die Crew-Liste von 1910 ist vollständig erhalten. Unter der laufenden Nummer 75 ist ein "Kaiser, Wilhelm" eingetragen… Die Nummer 33 weist Dönitz, Karl aus - den späteren Großadmiral führte es zum Ende des Dritten Reichs als Hitler-Erbe und kurzfristiges Staatsoberhaupt zurück an die Flensburger Förde. Zur Crew 1910 gehört auch einer der Söhne des berühmten Admirals Graf von Spee, wie dieser Jahrgang überhaupt zahlreiche Admiräle hervorbrachte.

Seine Marine-Karriere begann auch Martin Niemöller in Mürwik: Der Pastorensohn kämpfte im Ersten Weltkrieg aktiv als U-Boot-Offizier. Die Crew-Liste 1910 führt ihn unter der Nummer 111. Später studierte er Theologie, begeisterte sich zeitweise für den Nationalsozialismus, entwickelte sich jedoch zu dessen Gegner und kam als "persönlicher Gefangener Hitlers" sogar ins KZ, das er jedoch überlebte.

Die Crew 1910 der Marineschule Mürwik wurde bald nach Ausbildungsbeginn mit der Realität des Soldatenberufs konfrontiert - der Erste Weltkrieg forderte seinen Tribut. So verzeichnet die Chronik 1914 noch 171 Aktive. Nach einigen natürlichen Todesfällen lebten zum 25-jährigen Crew-Fest 1935 davon noch 99.

Zum Jubiläum der Marineschule erscheint am Donnerstag eine vierseitige Beilage in dieser Zeitung.

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