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Flensburger Tageblatt

25. September 2017 | 08:13 Uhr

Lähmender Streit um einen Kranken

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rose-Marie Blankenburg kämpft für ein würdevolles Lebensende für ihren unheilbar kranken Ehemann

Im Wohnzimmer ihrer kleinen Sozialwohnung hängt ein Bild, das Kamele in der Wüste zeigt vor einem großen Feuerball. Rose-Marie Blankenburg sagt, das Bild habe ihr Mann Klaus-Dieter gemalt. Überhaupt male er häufig. Blankenburg, der im Mai 66 wird, lebt seit Dezember 2012 im DRK-Pflegezentrum Fahrdorf. Während für andere in seinem Alter das Leben erst beginnt, bewirkt eine unheilbare Krankheit, dass er zunehmend der Pflege bedarf. Klaus-Dieter Blankenburg leidet an Chorea Huntington (siehe Info-Box). Einige Jahre lang habe sie ihren Mann, der früher Handballer und Feuerwehrmann war, mit 53 seinen Motorrad-Führerschein gemacht habe, zu Hause gepflegt, erzählt seine Frau bedrückt. Doch als seine autoaggressiven Phasen aufgrund der Krankheit gefährlicher wurden, habe sie mit dem Familienrat entschieden, ihren Mann Spezialisten anzuvertrauen.

Im Pflegezentrum Fahrdorf, das sich Menschen annimmt, „für die weder ein Alten- und Pflegeheim noch eine Einrichtung für schwerstmehrfachbehinderte Menschen eine Alternative darstellt“, besucht die 53-Jährige ihren Mann so oft es geht. Das kostet. Jedes zweite Wochenende verbringe ihr Mann daheim, mit Enkelkind. Obwohl die Blankenburgs ihr Leben lang gearbeitet haben – sie 32 Jahre als Raumpflegerin, er 43 Jahre im Metallbau – blieben ihnen zusammen nur 913 Euro Rente. Deshalb habe sie Eingliederungshilfe beantragt, doch die werde verweigert, klagt die Flensburgerin. Im Sozialgesetzbuch XII heißt es: „Personen, die durch eine Behinderung (...) in ihrer Fähigkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben (...) oder von einer solchen wesentlichen Behinderung bedroht sind, erhalten Leistungen der Eingliederungshilfe.“ Intention sei, „den behinderten Menschen die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen oder zu erleichtern“.

Zwei Leistungsträger kommen hier ins Spiel, sagt Clemens Teschendorf, Pressesprecher der Stadt Flensburg. Diese sei für Eingliederungshilfe zuständig, die Krankenkassen für therapeutische Maßnahmen. Bei „Leistungskomplexen in einer Grauzone“, so Teschendorf, könne die Zuständigkeit aufgrund des Paragraphen 14 SGB IX abgegeben werden. Das hat die Stadt getan, an die AOK Nordwest. „Deshalb mussten wir die AOK im Hauptsacheverfahren verklagen“, erläutert Ritwa J. Stahl, Rechtsanwältin der Blankenburgs. Per Beschluss vom 14. Oktober 2013 hat das Sozialgericht Schleswig der Krankenkasse in einem Eilverfahren für zunächst sechs Monate aufgegeben, die Eingliederungshilfe für die Fördermaßnahmen zu zahlen. Das Hauptsacheverfahren, das im Hintergrund weiterlaufe, werden sie durchfechten müssen, prophezeit Stahl. Ihrer Meinung nach sei jedoch eindeutig die Stadt in der Pflicht.

Rund 9030 Euro Schulden habe sie beim Heim, sagt Rose-Marie Blankenburg, „weil die ihn in der Gruppe behalten haben“. Das Malen stellt sie als nur eine der zahlreichen Aktivitäten heraus – neben Hirnleistungstraining oder Festigung von Alltagskompetenzen –, die ihrem Mann gut tun, von der Krankheit ablenken, einen Platz in der Gruppe „Junges Wohnen“. Die Verweigerung der Eingliederungshilfe deutet sie als Aufgabe ihres Mannes. „Jetzt erzählen sie mir: Er soll sich nur noch hinlegen und sterben“, sagt die 53-Jährige verzweifelt. Das Geld, das das Paar gespart hatte für gemeinsame Reisen als Rentner, hat Rose-Marie Blankenburg investiert – schon jetzt in eine würdige Beerdigung.

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