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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Kuriose Schulgründung am Stadtrand

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1973: Der frühere Leiter der KGS Adelby blickt auf die Entstehungsgeschichte der heutigen Gemeinschaftsschule zurück.

Flensburg | In der schulpolitischen Diskussion der 60er und 70er Jahre war die Gesamtschule das große Reizthema. Deren Grundidee war, das Bildungssystem durchlässiger zu machen und damit schichtübergreifend mehr Bildungschancen zu ermöglichen. Auch in Flensburg wurde diese Debatte geführt, die zusätzlich von einem spezifisch regionalen Problem überschattet war. Viele Schüler aus dem Kreisgebiet, die eine weiterführende Schule besuchten, kamen wie eh und je dazu in die Fördestadt und gingen entweder auf die Auguste-Viktoria-Schule (Mädchen), das Alte Gymnasium (Jungen) oder die Goethe-Schule (gemischt).

„Die Stadt Flensburg beschwerte sich jedoch, in immer stärkerem Maße die Kosten für die Schüler aus dem Kreis zu tragen, zumal die Schulen noch von den Flüchtlingsfolgen von den 50er Jahren her belastet waren“, erinnert sich Heinz-Jürgen Klotz. Der Pädagoge war Teil der damaligen Lehrerszene in Flensburg, unterrichtete an der Mädchen-Mittelschule am Südergraben und sollte bei der Gründung der ersten Gesamtschule der Region eine mitentscheidende Rolle spielen. Sein Hintergrund war wie der vieler damaliger Kollegen neben einem Fachstudium von leitender Jugendarbeit bei Pfadfindern, Grenzlandjugend oder anderen Gruppen geprägt. Ausgestattet war er mit umfassender Lehrbefugnis.

Der zunehmende Druck auf den jeweiligen Landrat des Kreises Flensburg (zunächst Hartwig Schlegelberger, später Gerd Lausen), eine kreiseigene weiterführende Schule zu begründen, führte zu einem geografischen Kuriosum: Da Flensburg einen Standort in Stadtnähe forderte, sollte die Schule in unmittelbarer Nähe der Stadtgrenze in der Gemeinde Adelby errichtet werden, die aus den heutigen Flensburger Stadtteilen Tarup und Sünderup sowie Tastrup bestand. „Vor die Wahl gestellt, entschied sich Gerd Lausen für die Form einer Kooperativen Gesamtschule, ganz im Sinne der damaligen CDU-Landesregierung“, erzählt Zeitzeuge Klotz.

Zur Vorbereitung des Aufbaus der zukünftigen Schule wurde eine Planungsgruppe einberufen, der für jede Schulart ein Grund- und Hauptschullehrer sowie einer für Realschule und Gymnasium angehörte; neben Heinz-Jürgen Klotz war dies unter anderem der spätere erste Schulleiter Gerd Vaagt sowie von der Pädagogischen Hochschule Professor Kochansky als wissenschaftlicher Begleiter. „Uns alle einte, dass wir als engagierte Lehrer für ein zukunftsweisendes Schulkonzept brannten“, versichert Klotz heute noch überzeugend. Unter dem Leitthema einer pädagogischen Gesamtkonzeption für die Schule waren die Zügigkeit des Baus, Ausgestaltung und Ausstattung sowie die Festlegung des Einzugsbereichs die Ziele der seit Ende der 1960er aktiven Planungsgruppe, die sich bundes- wie europaweit über Vorbilder informierte.

Ein wichtiger Aspekt für eine Kreisschule war zudem die Organisation des Bustransports der Schüler; das Einzugsgebiet erstreckte sich schließlich entlang der Nordstraße über Steinbergkirche teils bis Sterup und Koppelheck (das Gymnasium Satrup entstand erst später). Klotz hatte zudem den Auftrag, Lehrer für die neue Schule zu gewinnen, was ihm nach eigener Aussage mit großem Erfolg gelang. „Es sollten junge, kreative und vor allem begeisterte Pädagogen sein, schließlich ging es um die Ausbildung junger Menschen“, betont Klotz, der zunächst stellvertretender, später zwölf Jahre lang Schulleiter der KGS war (und vor kurzem seinen 80. Geburtstag feierte). Einige dieser jungen Kollegen gründeten in den 90er Jahren übrigens die IGS Flensburg.

Doch bevor es losgehen konnte, gab es eine weitere Kuriosität: Trotz intensiver Vorbereitung konnte die Schule nicht wie geplant 1973 eröffnet werden! Verantwortlich dafür waren „ärgerliche“ Verzögerungen beim Bau. „Also mussten wir improvisieren. Aber von meiner Frau, die ebenfalls Lehrerin ist, wusste ich, dass die Schule in Husby noch Kapazitäten frei hatte“, erinnert Klotz. Also begann der Unterricht 1973 sechszügig mit je zwei Klassen pro Schulart bei 14 Lehrern zunächst doch direkt im ländlichen Raum. Mit einem Jahr Verspätung ging die Kooperative Gesamtschule Flensburg-Adelby dann im neuen Schulgebäude an den Start. Als Adelby 1974 nach Flensburg eingemeindet wurde, stand die Kreis-Schule plötzlich auf Stadtgebiet.

Heinz-Jürgen Klotz erinnerst sich deutlich, dass die KGS eine positive Entwicklung erfuhr, viele Schüler anzog und durchaus neidvolle Reaktionen bei den Flensburger Kollegen erregte: Zeitweise gab es über 1500 Schüler, die von einem bis zu 130-köpfigen „Lehrkörper“ unterrichtet wurden. Immer noch bemerkenswert ist die Größe des Schulgeländes: Es misst ganze zwölf Hektar. Freie Flächen jenseits der Richard Wagner-Straße wecken derzeit offenbar städtebauliche Begehrlichkeiten bei der Stadt Flensburg, die seit 2009 Träger der Schule samt Gelände ist. Den damaligen Erfolg führt Klotz auf das pädagogische Konzept und eine gute Außendarstellung zurück, unter anderem durch viele Aktivitäten im musischen Bereich und im Sport, außerdem durch einen umfassenden internationalen Schüleraustausch (erste Gespräche mit dem polnischen Slupsk fanden bereits um 1988 statt).

Gerne denkt Klotz an das konstruktive Zusammenwirken von einsatzfreudigen Kollegen, aktiven Eltern und dem Freundes- und Förderkreis zurück. „Meine persönliche Erkenntnis ist, dass die KGS mit der Qualität des Gymnasiums steigt oder fällt. Wichtig sind ebenfalls entscheidende Impulse von der Schulleitung“, sagt der Praktiker, der die Folgen bildungspolitischer Entscheidungen des Landes (Stichwort „Gemeinschaftsschule“) durchaus kritisch sieht – aber das ist eine andere Geschichte.


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erstellt am 02.Okt.2015 | 14:30 Uhr

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